Hispania-Racing-Team : In der Welt der losen Schläuche

Das Hispania-Racing-Team kämpft einen einsamen Kampf am Ende des Formel-1-Feldes. Bis Mitte der Saison will die Truppe nicht nur durchfahren, sondern angreifen.

Karin Sturm[Kuala Lumpur]

Als Colin Kolles die erste Bestandsaufnahme bei seinem neuen Team machte, fand er nicht viel vor. Ein Monocoque war fertig, ein zweites halb, Motoren und Getriebe waren noch nicht eingebaut. Für Dinge wie die Verlegung von Kabelbäumen war kurz vor dem der Start der Formel-1-Saison schlicht nicht genug Personal vorhanden. Es war ein kleines Wunder, als dann in Bahrain tatsächlich ein Wagen aus der Garage des Hispania-Racing-Teams (kurz HRT) rollte. „Wir haben in drei Wochen geschafft, was andere in drei Monaten machen“, sagt der Teamchef Kolles. Der Zahnarzt aus Ingolstadt mit rumänischer Abstammung hat schon einige Formel-1-Teams geführt, von Jordan bis Force India. Er kennt sich aus mit dem ganz speziellen Kampf am Ende des Feldes.

Kolles war Mitte Februar zum Team gestoßen, nachdem das damals noch Campos genannte Projekt in massive finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone half und inszenierte mit dem spanischen Immobilienmakler José Ramon Carabante und Kolles die Rettung. Als Erstes besorgte Kolles Personal, unter anderem aus seinen eigenen DTM- und Le-Mans-Teams und aus den Überbleibseln des abgewickelten Toyota-Rennstalls. Auch die beiden Fahrer Bruno Senna und Karun Chandhok hatten keine Formel-1-Erfahrung. Immerhin konnte Kolles in Berater Geoff Willis (früher Williams und Red Bull) und Jacky Eeckelaert (Sauber und Honda) Grand- Prix-erfahrene Ingenieure engagieren.

Während die anderen Neulinge Virgin und Lotus einige Tausend Kilometer schon vor der Saison fuhren, wurden die HRT-Wagen erst beim Saisonauftakt in Bahrain zusammengebaut. Die Mechaniker arbeiteten die Nächte durch, auch in Australien war das nicht anders. Die Techniker bastelten unablässig an immer neuen Baustellen und bekamen in drei Tage gerade sieben Stunden Schlaf. Meist waren es die typischen Kleinigkeiten, die bei einem neuen Auto eben auftreten: ein loser Schlauch da, eine durchgescheuerte Leitung hier. Solche Dinge sortiert man normalerweise beim Testen aus, aber Testfahrten hatte HRT ja keine.

In Australien nur noch sechs Sekunden Rückstand

Auch auf anderen Gebieten hat Kolles’ Team einige Herausforderungen zu bieten. Heike Feldkamp kennt die meisten davon. Sie ist nicht nur die Presseverantwortliche bei HRT, sondern auch Organisatorin, Reiseplanerin, „eigentlich Mädchen für alles“, wie sie lachend sagt. Etablierte Teams buchen ihre Flüge und Hotels allerspätestens im Dezember, wenn der Rennkalender für das kommende Jahr feststeht. Feldkamp muss nun in kürzester Zeit Überseeflüge und Hotels für 30 bis 40 Leute organisieren, alles natürlich Low Budget. Zu ihren Spezialaufgaben gehört es, Visa für China zu organisieren, während die Teammitglieder ständig mit ihren Reisepässen durch die Welt tingeln. „Aber bis jetzt haben wir das alles einigermaßen hinbekommen“, sagt Feldkamp.

Als Motivationsgrundlage muss der Fortschritt des Autos am Ende des Feldes herhalten. Mit zwölf Sekunden Rückstand auf die Schnellsten fing es in Bahrain an, im Qualifying von Australien waren es nur noch sechs – und nur noch eine halbe, die Bruno Senna auf einen anderen Neuling (Lucas di Grassi im Virgin) fehlte: „Und die wäre auch noch drin gewesen, wenn sich nicht ein Teil des Unterbodens gelöst hätte.“ Im Rennen kam Senna wegen einer kaputten Hydraulikleitung nur fünf Runden weit, dafür schaffte Chandhok den ersten kleinen Sieg: eine Zielankunft. Beim Rennen am Sonntag in Malaysia „haben wir uns vorgenommen, das mit beiden Autos zu schaffen“, sagt Kolles.

Bis Mitte der Saison will Kolles mit seiner Truppe nicht nur durchfahren, sondern angreifen. Dafür hat er eine lange To-Do-Liste angelegt, die unter anderem folgende Punkte enthält: bessere Telemetriedatenerfassung, um 20 Kilo leichtere Aufhängungsteile aus Aluminium, neuer Tank, jede Menge neue Aerodynamikteile für besseren Abtrieb. Das erste Ziel sei es, zu den anderen Neuen aufzuschließen, „in Malaysia wollen wir schon näher dran sein“. Wenn man sich bei den Neuen an die Spitze gesetzt habe, wolle man im Laufe der Zeit auch die Schwächeren unter den etablierten Teams angreifen. „Ich habe das Team nicht übernommen, um hinterherzufahren“, sagt Kolles. „Wir wollen weiter vor, und zwar schnell.“

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