Historie : Verspielter Glanz

Deutschland startet mit einem mühevollen 1:0 gegen Belgien in die EM-Qualifikation. Nach WM-Turnieren tat sich die deutsche Elf schon des öfteren schwer. Eine Rückschau.

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Teamchef Rudi Völler rastete 2003 in Island aus.
Teamchef Rudi Völler rastete 2003 in Island aus.Foto: dpa

Zwei Monate liegt das letzte Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika zurück. Zwei Monate, in denen viel geredet wurde, über Ballack und Lahm und Özil oder Khedira, aber nicht ganz so viel über die anstehende Qualifikation zur EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine. Dabei hat die Fußballnation schon oft erfahren müssen, wie schnell der Glanz des vergangenen Erfolges verblassen kann. Ein Rückblick auf den zuweilen schwierigen Neuanfang nach erfolgreich absolvierten Weltmeisterschaften.

Das Debakel von Tirana

Nachdem er die beiden ersten Auflagen ignoriert hat, meldet der DFB für 1968 zum ersten Mal für eine EM. Mitte der Sechzigerjahre ist Europa noch ein wenig übersichtlicher gegliedert. Bedingt durch die geringe Zahl an Staaten verzögert sich der Beginn der Qualifikationsrunde bis ins Frühjahr 1967. Der DFB überbrückt die Zeit mit erfolgreichen Testspielen gegen die Türkei, Norwegen, Marokko und Bulgarien und startet dann siegesgewiss in die Dreiergruppe mit Albanien und Jugoslawien. Zur Premiere trifft Gerd Müller viermal beim 6:0 gegen Albanien und niemand zweifelt an einem erfolgreichen Weg zur Endrunde nach Italien. Da es zwischendurch eine 0:1-Niederlage gegen die Jugoslawen gibt, müssen die Deutschen am letzten Spieltag eine Woche vor Heiligabend noch einen Pflichtsieg in Albanien abholen. Franz Beckenbauer, Sepp Maier und, entscheidender noch, Gerd Müller fehlen auf dem Stolperacker von Tirana. Es fällt kein Tor, und Deutschland verpasst zum ersten und bisher einzigen Mal die Qualifikation für eine Welt- oder Europameisterschaft.

Verzückung in den Feuilletons

1970 in Mexiko wird Deutschland zwar wieder nicht Weltmeister, erarbeitet sich aber beim Jahrhundertspiel im Halbfinale gegen Italien Ruhm für die Ewigkeit. Drei Monate später beginnt der Neuaufbau in Nürnberg, mit einem 3:1 im Test gegen Ungarn. Es ist das Abschiedsspiel für Uwe Seeler, dem Gerd Müller allerdings mit zwei Toren die Schau stielt (dafür wird Seeler später zum Fußballer des Jahres gewählt, was den WM-Torschützenkönig Müller maßlos ärgert). Ausgerechnet in Albanien beginnt die EM-Qualifikation. Dieses Mal ist Gerd Müller dabei und schießt seine Mannschaft zum bescheidenen 1:0-Sieg. In Tirana spielt schon fast die Mannschaft, die später die Feuilletons in Verzücken versetzen wird. Bei der Endrunde in Belgien werden die Deutschen mit einem 3:0 über die Sowjetunion zum ersten Mal Europameister.

Hürden des Alltags: Deutschland und Klaus Allofs taten sich 1982 in Nordirland schwer.
Hürden des Alltags: Deutschland und Klaus Allofs taten sich 1982 in Nordirland schwer.Foto: Imago

Der große Umbruch

Bei der Heim-WM 1974 holen die Deutschen zum zweiten Mal den Titel, aber für ihr eher zweckmäßiges Spiel werden sie nur noch bewundert, nicht mehr geliebt wie zwei Jahre zuvor in Brüssel. So viel Umbruch wie nach dem finalen 2:1 über die Niederlande war selten in der Nationalmannschaft: Gerd Müller, Jürgen Grabowski und Wolfgang Overath beenden ihre Länderspielkarrieren, Paul Breitner zieht sich nach seinem Wechsel zu Real Madrid ebenfalls zurück, Günter Netzer ist eh kein Thema mehr. Die runderneuerte Mannschaft gewinnt ihr erstes Testspiel 2:1 gegen die Schweiz, und schon die Aufgabe des Toreschießens übernehmen nicht mehr die üblichen Verdächtigen, sondern die Ergänzungsspieler Reiner Geye und Bernd Cullmann. Die neue Mannschaft tut sich schwer, als es vier Monate nach dem Triumph von München zum Auftakt der EM-Qualifikation nach Griechenland geht. Mit Mühe erkämpft der Weltmeister in Piräus ein 2:2. Zehn Minuten vor Schluss bewahrt Herbert Wimmer die Deutschen mit seinem Ausgleichstor vor einer Blamage. Glanzlos arbeitet sich die Mannschaft bis ins EM-Finale gegen die Tschechoslowakei vor, das mit Uli Hoeneß' berühmtem Schuss in den Belgrader Abendhimmel endet.

Beckenbauers Putsch

Bei der WM 1978 in Argentinien scheitern die Deutschen schon in der Zwischenrunde. Vier Jahre später reicht es in Spanien zwar zu Platz zwei, aber um welchen Preis: Keine deutsche Mannschaft ist so unbeliebt gewesen wie diese, dafür stehen der Nichtangriffspakt von Gijon gegen Österreich und der Bodycheck von Toni Schumacher gegen den Franzosen Patrick Battiston. Bundestrainer Jupp Derwall genießt unter den Spielern keinen Respekt, aber er darf noch die kommende EM in Frankreich in Angriff nehmen. Vor den Qualifikationsspielen gibt es einen 2:1-Sieg in Wembley über England, Karl-Heinz Rummenigge schießt beide Tore, worauf ein englisches Pop-Duo seine „sexy knees“ besingt. Doch als es ernst wird, zeigen die Deutschen Nerven: Zum Auftakt der Qualifikationsrunde verlieren sie in Belfast 0:1 gegen Nordirland und müssen bis zum letzten Spieltag bangen. Wieder geht es gegen Albanien, diesmal in Saarbrücken, und erst zehn Minuten vor Schluss köpft der Kölner Gerd Strack das Tor zum 2:1-Sieg. Derwall ist ihm dafür so dankbar, dass er Strack mit zur Endrunde nach Frankreich nimmt, obwohl der wegen einer Verletzung monatelang ohne Spielpraxis ist. Nach dem Vorrunden-K.-o. ist der Bundestrainer nicht mehr zu halten, und Franz Beckenbauer putscht sich mit Unterstützung der „Bild“-Zeitung ins Amt des Teamchefs.

Matthäus' Tirade

Im Sommer 1986 führt der Teamchef Beckenbauer in Mexiko seine Mannschaft bis ins Finale, aber im Rückblick muss er darüber lachen, wie viele Grobmotoriker beim 2:3 gegen Argentinien zu Werke gingen: Dieter Hoeneß, Hans-Peter Briegel, Dietmar Jakobs, Wolfgang Dremmler, Norbert Eder… Beckenbauer muss eine neue Mannschaft aufbauen für die EM 1988. Da sie im eigenen Land stattfindet, muss Beckenbauer auf die wichtige Wettkampfpraxis der Qualifikationsspiele verzichten. Der Erfolg gestaltet sich wechselhaft. Tiefpunkt der Vorbereitung ist drei Monate nach dem WM-Finale ein 1:4 in Wien gegen Österreich, bei dem der von Beckenbauer zum neuen Anführer ernannte Lothar Matthäus nach einer Schimpftirade gegen den Schiedsrichter vom Platz fliegt. Bei der EM-Endrunde verlieren die Deutschen im Halbfinale 1:2 gegen die Niederlande.

Auf Jahre unschlagbar

Nach dem Triumph 1990 im WM-Finale vom Rom verabschiedet sich der Teamchef Franz Beckenbauer standesgemäß, nämlich mit der größtmöglichen Hypothek für seinen Nachfolger Berti Vogts, jenem berühmten Satz, nach dem die Deutschen unter Hinzuziehung ihrer neu gewonnen Landsleute aus dem Osten über Jahre hinaus unschlagbar wären. Zu Vogts' Premiere Ende August in Lissabon gegen Portugal aber steht noch kein einziger DDR-Spieler im Aufgebot, weil es nämlich noch eine DDR gibt. Auch das 3:2 gegen Luxemburg im ersten Qualifikationsspiel für die EM 1992 in Schweden ist eine rein westdeutsche Angelegenheit. Erst kurz vor Weihnachten wagt Vogts im Freundschaftsspiel gegen die Schweiz einen Versuch mit Matthias Sammer, später wird auch Andreas Thom eingewechselt, der gleich ein Tor beisteuert zum 4:0-Sieg. Sammer, Thom und Thomas Doll spielen später auch im Göteborger EM-Finale, das allerdings gegen die dänische Spaß- und Badeschlappenfraktion 0:2 verloren geht.

Mistkäsescheißdreck

Da die Deutschen unter Vogts zwar 1996 in England Europameister werden, aber bei den Weltmeisterschaften in den USA und Frankreich jeweils nicht das Viertelfinale überstehen, quittiert der Bundestrainer im Sommer 1998 den Dienst. Der erfolglosen Verlegenheitslösung Erich Ribbeck folgt die erfolgreiche Verlegenheitslösung Rudi Völler, der nach Platz zwei bei der WM 2002 in Fernost mit großen Hoffnungen die Kampagne für die EM 2004 in Portugal startet. Im ersten Test gegen Bulgarien (2:2) debütiert mit der Erfahrung von zwei Bundesligaspielen ein gewisser Arne Friedrich. Die Qualifikationsrunde endet erfolgreich, zeitigt aber furchtbare Spiele wie das 2:3 gegen Schottland, das 2:1 über die Färöer oder das 0:0 gegen Island, nach dem Völler seine berühmte Mistkäsescheißdreck-Rede hält. Bei der Endrunde reicht es nach einem 1:2 gegen die tschechische B-Mannschaft nur zu einem dritten Vorrundenplatz. Noch in der Nacht tritt Völler zurück.

Der Rausch des Nüchternen

Rudi Völlers Nachfolger Jürgen Klinsmann nimmt zwar entgegen seiner Ankündigung nicht den ganzen Laden namens DFB auseinander, beschert den Deutschen aber ein Sommermärchen. Doch Klinsmann ist mehr Projektmanager als Trainer, diesen Job macht schon bei der WM 2006 Joachim Löw, der den Job nach Klinsmanns Rückzug auch offiziell übernimmt. Die WM-Party geht ansatzlos weiter. Erst mit einem 3:0 im Freundschaftsspiel gegen Schweden in Gelsenkirchen, danach zum Auftakt der Qualifikation für die EM 2008 in Stuttgart, wo die berauschten Fans ein eher nüchternes 1:0 gegen Irland feiern. Derart beseelt spielen sich die Deutschen durch die Qualifikation, beim 2:1 in Prag gegen die Tschechen zeigen sie das beste Länderspiel seit Jahren. Bei der Endrunde in der Schweiz und in Österreich aber überwiegt wieder das nüchterne Element, auch wenn es zur Finalteilnahme gegen die grandiosen Spanier reicht.

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