Hitziger Hitzfeld : Ein Gentleman mit Stinkefinger

So kennt man ihn gar nicht: Ottmar Hitzfeld zeigt dem Schiedsrichter den Mittelfinger, weil er mit dessen Wahrnehmung unzufrieden ist. Noch überraschender ist nur seine Erklärung, die an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt.

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Selbstjustiz. Ottmar Hitzfeld kann auch mal grantig werden, ... Foto: AFP
Selbstjustiz. Ottmar Hitzfeld kann auch mal grantig werden, ...Foto: AFP

Immer dieser Stinkefinger. Rudi Assauer zeigte ihn einst Schalker Fans und in der Fernsehsendung „Doppelpass“ dem Moderator Jörg Wontorra – indem er sich auffällig am Auge kratzte. Montpelliers Trainer René Girard wurde gerade für seine Geste gegen Schalke-Trainer Huub Stevens gesperrt. Nun hat sich Ottmar Hitzfeld, Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, erneut in die Obszönitätengalerie eingereiht. Beim 1:1 seiner „Nati“ gegen Norwegen in Bern streckte der eigentlich als Gentleman bekannte Hitzfeld zweimal den Mittelfinger in Richtung des Schiedsrichters. Er hat das schon einmal getan, vor zwei Jahren.

Die Geste steht ursprünglich für ein Phallussymbol und war schon den alten Römern ein Begriff – digitus impudicus, zu Deutsch: der schamlose Finger. Der Dichter Catull empfahl die Geste Dieben als hilfreiches Mittel gegen Hermes-Statuen, die in den Häusern der Reichen als Schutz vor Eindringlingen standen.

Im deutschen Fußball ist der Stinkefinger aber weniger als Eintrittskarte, sondern vor allem als Rausschmissgarantie bekannt. Wie bei der WM 1994, als die Mutter aller Stinkefinger geboren wurde. Nationalspieler Stefan Effenberg zeigte den deutschen Fans nach dem Spiel gegen Südkorea, was er von ihnen hielt. Berti Vogts schickte Effe nach Hause.

... aber im Gegensatz zu Rudi Assauer richtet er böse Gesten nur gegen sich selbst. Screenshot: Tsp
... aber im Gegensatz zu Rudi Assauer richtet er böse Gesten nur gegen sich selbst.Screenshot: Tsp

Während Effenberg dazu stand, versuchte sich der sonst meist milde Hitzfeld nun anders zu erklären. „Das war eine unnötige Geste, und es tut mir leid“, sagte er. Was dann folgte, darf als verbales Eigentor gezählt werden: Denn der Zeigefinger habe gar nicht dem spanischen Schiedsrichter gegolten, sondern – ihm, Hitzfeld selbst: „Weil ich stinksauer war über mich, und weil wir die drei Punkte nicht gewonnen haben.“ Daher könne er auch nicht von der Fifa bestraft werden, meinte der Trainer. „Was für Konsequenzen soll es haben? Man kann mich nicht bestrafen, wenn ich gegen mich den Stinkefinger mache.“

Ist Hitzfeld ein anatomisches Wunder mit einem dritten Gelenk am Arm? Sich selbst den ausgestreckten Zeigefinger zu zeigen, ist nur mit äußerster Verrenkung möglich. Hitzfelds kuriose Begründung lässt jedoch nur einen Schluss zu: Der Gentleman muss inzwischen offenbar vor sich selbst geschützt werden.

Wäre Hitzfeld ein Dieb im alten Rom gewesen, so hätte sich kein reicher Bürger vor ihm fürchten müssen. Falls er ins Haus gekommen wäre, hätte man ihm den Weg nach draußen zeigen müssen.

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