Sport : Hoch auf dem schwarz-gelben Wagen

NAME

Von Richard Leipold

Dortmund. Vor der Bühne auf dem Friedensplatz gehen die Jahreszeiten ineinander über. Die Temperaturen haben die Party-Veranstalter sich vom Hochsommer ausgeliehen. Die Laune des Publikums erinnert an die Faschingszeit. „Amoroso und Borussia Dortmund, das ist wie Karneval“, schreit der Conferencier. Auch die Weihnachtszeit lässt grüßen; es ist wie das Warten aufs Christkind, bevor die Mannschaft kommt. An den Absperrgittern vor der Bühne campieren seit den frühen Morgenstunden jene Fans, die unbedingt in der ersten Reihe stehen wollen. In der Gluthitze schwitzen die meisten im Stehen. „Die Betriebstemperatur darf nicht zu hoch werden“, sagt der Conferencier. Schon richten zwei Feuerwehrleute einen schweren Schlauch auf den Platz und spritzen in die Menge. Zigmal donnert das neue Lieblingslied aus den Lautsprechern. „Amoroso, Amoroso, keiner trifft so schön wie Amoroso“, singen die Borussenchöre – nach der Melodie von Michael Holms „Mendocino".

Der Besungene schunkelt mit seinen Kollegen auf dem schwarz-gelben Wagen, der die Mannschaft gut drei Stunden durch die Stadt fährt. Dreimal umkreist der offene Laster unter frenetischem Beifall den berühmten Borsigplatz, 1909 die Geburtsstätte der Borussia. Das Gefährt erinnert an einen Karnevalswagen, die Passagiere führen sich auf wie Narren am Rosenmontag. Auch ohne Kamelle jubeln die Menschen am Straßenrand voller Inbrunst. „Unsere Brasilianer sind überrascht, dass die Westfalen nicht nur Kaltblüter sind“, sagt Manager Michael Meier.

Tomas Rosicky, der Mittelfeldstratege, sieht mit seinem schwarz-gelben Kopftuch aus wie ein Pirat, sein Landsmann Jan Koller zeigt sich als flotter Tänzer, Amoroso trägt sein blaues Hemd wie ein Fan – mit den Autogrammen seiner Mitspieler auf dem Rücken. Die choreographische Leitung auf dem Festwagen liegt bei Dede. Am Abend zuvor noch in Tränen aufgelöst, hat er das verlorene Uefa-Pokal-Finale verdrängt. Die Zeitfolge ist in Dortmund außer Kraft. Die Niederlage von Rotterdam ist lange her, nur die Meisterschaft, fünf Tage zuvor errungen, ist aktuell. Der frühere Kapitän Michael Zorc sagt, die Begeisterung sei größer als nach dem Gewinn zweier Meisterschaften und der Champions League in den Neunzigern.

Während der Wagen Richtung Innenstadt rollt, stimmt Stadtsprecher Gerd Kolbe die Menge vor dem Rathaus auf die Ankunft der Spieler ein und schickt einen Gruß nach München. „Schaut her, ihr Bayern, so feiert man Deutsche Meister. Ihr werdet lange darauf verzichten müssen.“ Dann schreiten die Spieler auf die Bühne. Der ganze Platz singt das Amoroso-Lied. Als Erster präsentiert Jürgen Kohler die Meisterschale. Der Jubel erreicht Orkanstärke, niemand käme auf Idee, Kohler den Platzverweis von Rotterdam übel zu nehmen. Und doch mischen sich auch traurige Töne in das Volksfest. Auf der Bühne wirkt der „Fußballgott“, dessen Karriere seit einigen Stunden beendet ist, wie auf einem Bahnsteig, kurz bevor der Zug abfährt. Als die Tränen sich nicht mehr aufhalten lassen, nimmt Kohler die Sonnenbrille ab. Er reibt sich die Augen und hebt zu einer Liebeserklärung an. „Ich habe in meinem Leben nur fünf Personen gesagt, ich liebe euch“, ruft er den Menschen zu, „euch liebe ich wirklich.“ Karneval kann auch rührselig sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben