Sport : Hoch das Bein

Wie drei amerikanische Fitnesstrainer die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trimmen

Michael Rosentritt

Berlin - Mark Verstegen marschiert geradezu auf den Mittelkreis des Trainingsplatzes. Er ist ein durchtrainierter Kerl mit raspelkurzem Haar und kalifornischem Akzent. Mit einer Handbewegung teilt er die deutschen Fußballnationalspieler in zwei Gruppen ein. Ein Kaugummi hüpft in seinem Mund. Er hält eine kurze Ansprache, dann geht es los. Für 40 Minuten wird der Fitnesstrainer aus den USA mit seinen beiden Mitstreitern das Kommando haben. Der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat die Jungs in Los Angeles kennen gelernt. Dort trimmen sie vorwiegend Basketballer, Footballer und Baseballer. Jetzt also Fußballer, hier in Berlin.

Joachim Löw, Klinsmanns Assistent, der eigentlich für das Training zuständig ist, weiß nicht so recht, wo er sich hinstellen soll. Mitmachen mag er nicht. Die Spieler gucken neugierig. Die Gruppe um Mannschaftskapitän Michael Ballack startet mit der ersten Dehnübung. Von weitem wirken Ballack und seine Mitspieler wie Marsmännchen, die sich rhythmisch nach Erdklängen zu bewegen versuchen. Die Spieler haben sich grellgrüne Gymnastikbänder um die Fessel gelegt und versuchen, bei angespannter Muskulatur nur durch leichtes Wippen des Oberkörpers sich seitlich fortzubewegen. Die Gilde der Physiotherapeuten um den fast 70 Jahre alten Adolf Katzenmeier steht an der Seitenlinie und schaut dem Treiben mit einer Mischung aus Bewunderung und Misstrauen zu. Sie betreuen zum Teil seit Jahrzehnten die Nationalmannschaft, aber so etwas haben sie noch nicht gesehen. Die Spieler strengen sich an. Einer der Therapeuten muss schmunzeln, als er zur anderen Seite hinüberschaut. Die Spieler dieser Gruppe üben eine Figur, die dem Hofknicks sehr nahe kommt. Fußballtrainer Löw turnt immer noch teilnahmslos im Mittelkreis umher und zieht erst einmal seine Jacke aus.

Unter den Journalisten auf der Tribüne wird getuschelt. Einer sagt, er kenne solche und ähnliche Dehnübungen aus DDR-Zeiten. In den Kinder- und Jugendsportschulen wurde viel Wert auf Gymnastik gelegt. Aber wo ist eigentlich Oliver Kahn? Es heißt, er hat Probleme mit einem Halswirbel und joggt nun auf einem Nebenplatz. Vermutlich wird er sich denken, dass es für eine Trainingspause schlechtere Zeitpunkte gibt als diesen hier und heute. Plötzlich taucht Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Orthopäde der Nationalmannschaft und des FC Bayern München, auf. Er sagt, dass „die Übungen der Amerikaner für jeden Sportler sehr nützlich sind“, leider würde sich der Fußballsport erst jetzt wieder daran erinnern.

Mittlerweile haben die Gruppen der Nationalspieler die Seiten gewechselt. Adolf Katzenmeier und seine Therapeutencrew haben sich längst wieder hingesetzt. Kommt jetzt noch was Aufregendes? Joachim Löw blickt immer öfter auf seine Uhr. Zur Abwechslung sortiert er die gelben und roten Hütchen. Das macht sonst Erich Rutemöller, der unter Rudi Völler noch das Aufwärmprogramm leitete. Rutemöller, nebenher zuständig für die Fußball-Lehrerausbildung, hat sich beschwingt wie üblich unter die Spieler gemischt und probiert jetzt wie sie eine Standwaage. Der 59-Jährige macht dabei keine viel schlechtere Figur. Dann stoppt Mark Verstegen den Zauber. Kurze Pause, die Spieler schwitzen. Torwart Jens Lehmann bedankt sich per Handschlag bei den Amerikanern. „Für mich waren ein paar sehr wertvolle Übungen dabei, jetzt liegt es an jedem von uns, was er daraus macht.“

Dann kommt der Ball ins Spiel. Und mit ihm Joachim Löw. Er lässt ein paar Spielformen üben: Vier Spieler verteidigen, sechs greifen an. Das Tempo ist relativ hoch, auch bei denen, die gerade nicht den Ball am Fuß haben. So will es Klinsmann. Alle müssen sich stets viel bewegen. „Wer steht, hat Zeit zum Grübeln“, sagt er. Und das sei nicht gut. Löw lässt nicht locker und brüllt: „Schneller, ihr müsst schneller spielen!“ Die Fitnesstrainer grinsen und nicken von außen.

Plötzlich hüpft Klinsmann über eine Werbebande und gibt einem TV-Sender ein Kurzinterview. Dann springt er zurück auf den Rasen. Noch ein kleines Spielchen, ordnet er an. Zehn gegen zehn auf halber Feldgröße. Nach 180 Minuten schlägt dann Rutemöllers Stunde – zwei Runden Auslaufen. Puh! Noch ein Getränk und ein Gruppenfoto mit den Amis. In sechs oder sieben Monaten werden sie mal wieder vorbeischauen.

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