Sport : Hoch gewinnt

Die späte Karriere des Chelsea-Stürmers und Bayern-Schrecks Didier Drogba

Raphael Honigstein[London]

„Didier Drogba schafft es, gleichzeitig wie der beste und der schlechteste Stürmer der Welt auszusehen“, schrieb der „Daily Telegraph“ vor vier Wochen über den Angreifer des FC Chelsea. Das war noch einer der netteren Kommentare nach dem schwachen 1:0 in der englischen Liga gegen West Bromwich Albion. Der 27-Jährige schoss zwar das Siegtor, aber ansonsten auch rund 25-mal hoch oder weit neben das Tor. Zusammen mit seinem enttäuschenden Sturmpartner Mateja Kezman wurde Drogba schon als der Schwachpunkt in Trainer José Mourinhos System identifiziert. Der für die Vereinsrekordsumme von 35 Millionen Euro von Olympique Marseille verpflichtete Mann aus Elfenbeinküste stand schnell im Mittelpunkt der Kritiker und ihrem Urteil: „Geld schießt keine Tore.“

Seit Mittwoch ist alles anders. Wie Spatzen im Luftkampf mit einer Boeing 747 hatten Bayerns Verteidiger Lucio und Kovac gegen den mit einer Länge von 1,88 Meter keinesfalls riesigen Spieler gewirkt. Seine phänomenale Durchschlagskraft könnte das Viertelfinale der Champions League bereits vor dem heutigen Rückspiel (20.45 Uhr, live auf Sat 1 und Premiere) entschieden haben. 4:2 gewann Chelsea das Hinspiel, und Drogba war nicht nur Leistungsträger, sondern erzielte auch das letzte und für München so schmerzhafte vierte Tor.

Es passt zu Drogba, dass er erst jetzt, gegen Ende der Saison, seine Bestform findet. Er war schon immer ein Spätstarter, obwohl er bereits mit fünf Jahren nach Frankreich kam, um Fußballer zu werden. Seine Eltern, als Bankangestellte relativ wohlhabend, hatten ihn aus dem Dörfchen Mahinadopa in der Nähe der Hauptstadt Abidjan zu seinem Onkel Michel Goba geschickt, der sich als Halbprofi bei kleinen Vereinen wie Brest und Abbeville den Lebensunterhalt verdiente. Bei Dunkerque fing Didier als rechter Verteidiger an, doch auf Rat von Goba versuchte er sich bald als Stürmer. Seine Familie zog 1991 in die Nähe von Paris, die Karriere stagnierte.

Als der nur mäßig am Unterricht interessierte Teenager den Schulabschluss nicht schaffte, zwangen ihn die strengen Eltern, ein Jahr mit dem Fußball auszusetzen. Mit 15 landete er dann beim Vorstadtverein Levallois und machte sich dort mit Toren allmählich einen Namen. Beim Zweitligisten Le Mans kam er kaum zum Einsatz und wollte schon aufgeben, um dann doch mit Glück und für 150 000 Euros zu Guingamp zu wechseln. „Tito“, so rufen ihn seine Freunde, explodierte im Alter von 25 Jahren in der Bretagne: 34 Spiele und 17 Tore später legte Marseille sechs Millionen Euro für ihn auf den Tisch. In Marseille reifte Drogba zu „le roi“, dem König, und einem der begehrtesten Spieler Europas. Nachdem er 19 Ligatore und seinen Verein fast im Alleingang ins Finale des Uefa-Cups geschossen hatte, wurde er der teuerste Einkauf der Ära von Klubbesitzer und Geldgeber Roman Abramowitsch. „Seine Schnelligkeit und Kraft sind einzigartig“, urteilte Mourinho.

Drogba blieb nach dem Sieg gegen Bayern gelassen. „Ich spüre hier keinen Druck. Wenn man für Marseille gespielt hat, kann man überall Druck aushalten.“ Heute werden ohnehin die Bayern mit der größeren Belastung ins Spiel gehen. Drogba selbst wird weniger auf Kopfbälle als auf schnelle Konter lauern. Er sieht sich nach einigen Verletzungen übrigens „immer noch nicht bei 100 Prozent“. Die Bayern sollten das als Drohung verstehen.

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