Hockey-Nationalmannschaft : Die Welt greift an

Das deutsche Hockey muss seinen Status verteidigen. Andere Länder haben aufgeholt, und immer mehr deutsche Nationalspieler springen immer früher wieder ab. Sport und Studium lassen sich kaum noch koordinieren.

Stefan Hermanns[Amsterdam]
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Letzter Einsatz. Die Deutschen um Christopher Zeller haben es immer schwerer, sich an der Spitze zu behaupten.Foto: AFP

Vor kurzem ist an den Deutschen Hockey-Bund (DHB) ein Anliegen herangetragen worden, von dem er noch nicht genau weiß, ob er es als Kompliment oder als Drohung verstehen soll. In den Planungen des Deutschen Olympischen Sportbundes für London 2012 nehmen die Hockeyspieler eine wichtige Rolle ein. Damit Deutschland wieder Platz fünf in der Medaillenwertung einnimmt, sind von den beiden Hockey-Teams zwei Medaillen eingeplant, davon mindestens eine goldene. „Man kann uns bestimmt nicht vorhalten, dass wir zu wenig ambitioniert sind …“, sagt Rainer Nittel, der Sportdirektor des DHB. Den Nachsatz, der mit „aber“ beginnt, kann man sich denken.

Zwei Teams, zwei Medaillen, davon eine goldene, das ist nicht vermessen – das ist die Bilanz bei den Spielen 2004 und 2008. Es geht also darum, den Status quo zu verteidigen. Aber das scheint immer schwieriger zu werden. Bei der EM in Amsterdam holten die Deutschen zweimal Silber, aber Europa ist nicht die Welt. „Irgendwann werden wir rechts und links überholt“, sagt Frauen-Bundestrainer Michael Behrmann.

Die Weltspitze ist breiter geworden. Bestes Beispiel ist der neue Männer-Europameister England. „2005 waren wir noch auf einer Stufe mit Schottland, Polen und Frankreich“, sagt Trainer Jason Lee, „jetzt messen wir uns mit Deutschland, Holland und Spanien.“ 2012 in London sollen die englischen Teams Medaillenkandidaten sein, dafür steht jede Menge Geld zur Verfügung.

Michael Behrmann sieht die Gefahren aber vor allem jenseits des Kontinents. „Im Welthockey ziehen gerade einige richtig los“, sagt er. „Alle Topnationen zentralisieren ihre Spieler.“ Die Argentinierinnen zum Beispiel sind jede Woche vier Tage in Buenos Aires zusammen, um gemeinsam zu trainieren, in Australien ist es ähnlich. „Wenn wir alle unsere Lehrgänge und Trainingstage zusammen nehmen, kommen wir auf 40 Prozent davon“, sagt Behrmann.

Hockey ist in Deutschland immer noch ein Nischensport, der von Amateuren professionell betrieben wird. Von Christopher Zeller abgesehen kann niemand vom Hockey leben, und auch der studiert im richtigen Leben Jura. Schon jetzt hat der DHB das Problem, dass viele Spieler aufhören, wenn sie ihr Studium beendet haben – mit Mitte 20. Vielleicht springen sie künftig noch früher ab. „Die Verschulung der Studiengänge ist eines unserer größten Probleme“, sagt Sportdirektor Nittel. Sport und Studium lassen sich kaum noch koordinieren.

Die Nationalmannschaft befindet sich permanent im Umbruch. Bei der EM hatte jeder Deutsche im Schnitt 40 Länderspiele weniger bestritten als die Konkurrenz aus England, Spanien oder Holland. Macht auf den Kader hochgerechnet einen Erfahrungsmangel von 700 Spielen. Dass der aktuelle Jahrgang ausgesprochen talentiert ist, steht außer Frage, doch Bundestrainer Markus Weise weiß selbst nicht, ob die Mannschaft ihre riesigen Möglichkeiten voll ausschöpfen wird. „Wenn sie fertig entwickelt ist, gehen die Spieler in den Beruf.“

So dramatisch wie Behrmann sieht Weise die Situation nicht. Dass es an der Weltspitze enger wird, sei für die Sportart nur gut: „Es ist doch sterbenslangweilig, wenn immer dieselben Nasen ins Halbfinale kommen und die einzige Frage ist, wer gegen wen spielen muss.“ Bisher konnten die Deutschen mit dieser Langeweile allerdings ganz gut leben.

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