Hockey-Nationalmannschaft : Historisch schlecht

Die deutschen Hockey-Männer holen zum ersten Mal keine EM-Medaille. Sogar die Olympia-Qualifikation ist jetzt in Gefahr.

Stefan Hermanns
Hockey
Umkämpft: Der Belgier Thomas van den Balck spitzelt Moritz Fürste den Ball vom Schläger. -Foto: dpa

ManchesterDer Verfall des Weltmeisters schritt rapide voran. Am Ende war die deutsche Hockey-Nationalmannschaft auf einer Stufe mit Tschechien angelangt. Eine zweifelhafte Gesellschaft. Die Tschechen hatten bei der Europameisterschaft in Manchester alle Spiele verloren, 31 Gegentore kassiert und nicht ein einziges geschossen. „In letzter Sekunde ein Gegentor zu kassieren, das schafft außer den Tschechen keiner“, sagte Bundestrainer Markus Weise. „Nur wir sind blöd genug.“ Nach einem Freischlag kurz vor dem deutschen Kreis lenkte der Belgier Thomas Briels den Ball zum 4:3 (0:1) ins Tor. Es war die letzte Peinlichkeit, die sich die Deutschen bei dieser Europameisterschaft leisteten – eine mit unerfreulichen Konsequenzen. Durch die Niederlage im Spiel um Platz drei verpasste der Weltmeister die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Europameister wurden die Holländer, die gestern das Finale 3:2 (2:0) gegen Titelverteidiger Spanien gewannen.

„Echt unglaublich, was da passiert ist“, sagte Uschi Schmitz, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hockey-Bundes. Eigentlich wollte der Verband nach der EM mit den Planungen für Peking beginnen. Jetzt muss die deutsche Mannschaft entweder im März in Chile oder im April in Japan ein Qualifikationsturnier bestreiten – und gewinnen. Erst kurz zuvor geht in Deutschland die Hallensaison zu Ende. Alles andere als brillante Voraussetzungen für die Olympiaqualifikation. „Das ist alles ein bisschen bitter“, sagte Markus Weise.

"Es sah furchtbar aus"

Ein bisschen? Das deutsche Männerhockey erlebte in Manchester seine schlimmste Blamage seit Platz fünf bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney. Noch nie hat sie bei einer Europameisterschaft eine Medaille verpasst. Dabei führte die Nationalmannschaft kurz nach der Pause durch Tore von Philip Witte und Matthias Witthaus 2:0. Fünf Minuten später hatten die Belgier den Vorsprung eingeholt, acht Minuten vor Schluss gingen sie zum ersten Mal in Führung, nur ein von Niklas Meinert verwandelter Siebenmeter hielt die Hoffnung der Deutschen am Leben.

„Es sah furchtbar aus“, sagte Weise über den Auftritt seiner Mannschaft. Vor drei Wochen, beim Hamburg Masters, hatten die Deutschen Belgien noch 6:0 besiegt, am vergangenen Montag trennten sich beide Teams in der Vorrunde 2:2, diese Serie fand gestern mit dem Sieg der Belgier ihre logische Fortsetzung. Völlig verdient. Die Deutschen sammelten Minderleistungen in allen entscheidenden Disziplinen. „Wir sind nicht als verschworenes Team aufgetreten“, sagte Weise. „Zu viele Spieler haben deutlich unter ihrem Niveau gespielt.“ Im Grunde wurde die Mannschaft nur einmal, in der Vorrunde gegen England, ihren eigenen Ansprüchen einigermaßen gerecht. Weise versuchte vergeblich gegenzusteuern: „Wir haben relativ früh an allen möglichen Rädern gedreht, aber die einzelnen Spieler haben keine Entwicklung gemacht.“

Der Bundestrainer hatte nach dem Spiel Schwierigkeiten, „drei intelligente Sätze in der Kabine zu sagen. Ich habe es einigermaßen hingekriegt“. Zu einer nüchternen Analyse aber sah er sich außerstande: „Es muss im Kopf liegen, vielleicht ist es auch fehlendes Können.“ Um die Gründe des Scheiterns zu erkunden und aufzuarbeiten, will Weise seine Spieler schon in vier Wochen zu einer außerordentlichen Zusammenkunft bitten. Dann werde es ziemlich zur Sache gehen, kündigte der Bundestrainer an. „Aber jetzt mache ich erst einmal Urlaub.“

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