Hockey-Nationalmannschaft : Kristina Reynolds: Zurück von der Krankenstation

Kristina Reynolds hatte keine Lust mehr auf Hockey. Jetzt spielt die Ärztin wieder für das Nationalteam.

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Neue Motivation. Kristina Reynolds will 2016 noch einmal zu Olympia.
Neue Motivation. Kristina Reynolds will 2016 noch einmal zu Olympia.Foto: imago sportfotodienst/von der Laage

Neulich hat Kristina Reynolds auf ihrem Computer zufällig Fotos von den Olympischen Spielen 2012 in London entdeckt. Danach hat sie wieder gewusst, warum sie anschließend ihre Karriere in der Hockey-Nationalmannschaft beendet hat. Es waren Bilder aus dem dunklen Loch, in dem sie damals untergebracht war. Weil sie als zweite Torhüterin nur eine sogenannte P-Akkreditierung bekommen hatte, durfte Reynolds nicht bei der Mannschaft im Olympischen Dorf wohnen. Jeden Tag musste sie 40 Minuten mit der Bahn nach London fahren – und abends wieder 40 Minuten zurück. Diese Erfahrung, irgendwie nicht dazuzugehören, war mindestens genauso frustrierend wie das sportliche Abschneiden mit Platz acht und ihr Status als Reservistin. „Ich hatte einfach keine Lust mehr“, sagt sie.

Wenn Reynolds heute an Olympia 2012 zurückdenkt, weiß sie wieder, dass sich die Entscheidung, in der Nationalmannschaft aufzuhören, damals genau richtig angefühlt hat. Ein Lebensabschnitt ging für sie zu Ende, ein neuer begann. Aber genauso hat sie jetzt, mit 31 Jahren, das Gefühl, dass es richtig war, wieder mit dem Hockey angefangen zu haben. „Ich habe so viel Spaß in der Nationalmannschaft wie noch nie“, sagt sie.

Wenn für die deutschen Frauen heute Nachmittag mit dem Gruppenspiel gegen Uruguay in Valencia das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele in Rio beginnt, wird Reynolds als Nummer eins im Tor stehen. Das ist eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte Wendung. Als der neue Bundestrainer Jamilon Mülders sie im Sommer 2012 gefragt hat, ob sie nicht weitermachen wolle, hat er sich eine herbe Abfuhr eingefangen. Zwei Jahre später war es Reynolds, die bei Mülders nachgefragt hat, ob er sich vorstellen könne, dass sie ins Nationalteam zurückkehrt.

Für Reynolds hat diese Entscheidung weitreichende Konsequenzen gehabt. Nach Olympia 2012 hat sie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit ihrer Ausbildung zum Facharzt begonnen. Ein solcher Werdegang ist im Amateursport Hockey nicht ungewöhnlich. Viele Nationalspieler können den Aufwand nur stemmen, solange sie studieren. Mit dem Eintritt ins Berufsleben beenden die meisten ihre internationale Karriere. Reynolds hat jetzt den Schritt zurück gewagt. In Abstimmung mit ihrem Chef hat sie eine halbe Stelle angetreten. „Eher ungewöhnlich“ sei das für eine Ärztin im Krankenhaus, sagt Reynolds, weil man im Stationsalltag kaum einsetzbar ist. Sie arbeitet daher jetzt an drei Tagen in der Lebertransplantationsambulanz.

Noch einmal Olympia spielen, das ist der Antrieb. „Die Chance habe ich nur jetzt – und nicht in zehn Jahren“, sagt Reynolds. Das eigentliche Ziel aber ist eine Medaille. Dafür all der Aufwand und all die Mühen. „Der Urlaub geht komplett für Hockey drauf“, sagt Reynolds. Zum Beispiel für Lehrgänge wie in der vorigen Woche in Berlin. Immerhin durfte sie schon einen Tag vorher abreisen, weil sie am Donnerstag wieder an ihrem Arbeitsplatz sein musste. Und am Freitag, zwei Tage vor dem Abflug nach Valencia, hat Reynolds noch eine Nachtschicht übernommen.

Ein Jahr nach dem Rücktritt kamen bei ihr erste Gedanken an ein Comeback

Etwa ein Jahr nach ihrem Rücktritt hat sich Reynolds irgendwann bei dem Gedanken ertappt: So ein bisschen Spaß macht es doch wieder. Dazu kam „das Gefühl, dass ich noch nie richtig an meine Grenzen gekommen war“. Gerade in der Bundesliga hat sich die Torhüterin oft unterfordert gefühlt. „Ich bin vom Lehrgang mit der Nationalmannschaft zurückgekommen und habe mich in der Liga gelangweilt“, erzählt sie. „Anfangs hält man einfach alles, und dann merkt man selbst, wie man wieder schlechter wird.“ Dass sie in der Vorsaison mit dem Hamburger Polo Club nur in der drittklassigen Regionalliga gespielt hat, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Der Verein hat einen eigenen Torwarttrainer, was bei vielen Bundesligisten nicht der Fall ist.

„Sie hat sehr fokussiert, sehr bewusst gearbeitet und sich unglaublich schnell wieder rangekämpft“, sagt Jamilon Mülders. In Valencia ist Reynolds die Nummer eins. Danach sei das Rennen offen, erklärt der Bundestrainer. Die Situation ist nicht neu. Seit fast zehn Jahren (mit Unterbrechungen) liefern sich Reynolds und Yvonne Frank, 35, ein episches Duell um den Platz im deutschen Tor. „Es war immer unglaublich eng zwischen uns beiden“, sagt Reynolds. Mal spielte die eine, mal die andere, mal wechselten sie sich im Laufe des Turniers ab. Gerade die Ungewissheit war quälend für alle Beteiligten. Inzwischen sei alles „einen Tick entspannter“, sagt Reynolds. „Da gibt es keine Intrigen oder Zickenkrieg.“

Es ist der sportliche Wettkampf, den Reynolds vermisst hat und dem sie sich jetzt stellen muss. Dass sie ihren Job zumindest zur Hälfte aufgegeben hat, „das ist erst mal eine Ansage, da muss man den Hut vor ziehen“, sagt Mülders. „Aber sie wird wie alle anderen nach dem Leistungsprinzip bewertet.“ Es ist gut möglich, dass sie am Ende in Rio wieder nur Ersatz ist. „Ich bin so gereift, dass ich damit besser umgehen und die Mannschaft besser unterstützen könnte“, glaubt Reynolds. Und natürlich besteht auch die Gefahr, dass die Deutschen die Qualifikation für Olympia verpassen oder Reynolds für Rio nicht zum Kader gehört – dass letztlich alles vergebens war. Kristina Reynolds sagt: „Da will ich mich gar nicht mit beschäftigen.“

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