Hockey : Oliver Domke: Die ewige Nummer 9

Mit seinen Fähigkeiten und seinen Erfolgen wäre Oliver Domke in vielen anderen Sportarten ein Superstar geworden. Aber Domke spielt Hockey. Nun will er seinen letzten Titel gewinnen.

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Einst im Nationaltrikot. Oliver Domke war Welt- und Europameister. -Foto: p-a/Rolf Kosecki

Berlin - In seinen besten Momenten schafft es Oliver Domke immer noch, die Zeit scheinbar anzuhalten. So wie im Viertelfinale zur deutschen Meisterschaft vor drei Wochen in Berlin. Es läuft die letzte Minute vor der Pause, Domke ist gefangen im hintersten Eck des Felds, Torhüter Uli Bubolz hat ihm den Weg verstellt: Es gibt keinen Ausweg. Eigentlich. Doch die Nummer 9 vom Rüsselsheimer RK zaubert einen Heber aus dem Handgelenk. Der Ball fliegt über Bubolz hinweg, er steigt hoch und höher. Was soll das jetzt?, fragen sich die Zuschauer – dann stürzt die Kugel fast senkrecht zur Erde und landet ein paar Zentimeter neben dem Pfosten im Aus. Das soll das. Die Halle raunt.

Mit seinen Fähigkeiten und seinen Erfolgen wäre Oliver Domke in vielen anderen Sportarten ein Superstar geworden. Aber Domke spielt Hockey. Und das auch nur noch mit gebremstem Schaum. Vor sieben Jahren hat er in der Nationalmannschaft aufgehört, nach 101 Toren in 194 Länderspielen – gerade 27 war er da. „Ich war schwer zu motivieren“, erzählt er. „Mir hat der Spaß gefehlt.“

Dabei hat Domke auch als Hockeyspieler jede Menge Spaß gehabt: Er hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, war Weltmeister auf dem Feld und in der Halle, dazu Europameister; nur eine Olympiamedaille wird er nicht mehr gewinnen. Die Endrunde um die deutsche Meisterschaft in der Schmeling-Halle ist sein letzter großer Auftritt als Hockeyspieler. Im März wird Oliver Domke 34, im Sommer hört er auf. Endgültig.

Spaß und Erfolg waren das eine, aber „ich habe auch viel sausen lassen müssen“, sagt Domke. Hockeyspieler sind Amateure, die ihren Sport professionell betreiben müssen, wenn sie international mithalten wollen. Dem einen fällt das leichter als dem anderen. „Ich bin leider kein so helles Köpfchen, das intensiv Hockey spielen und nebenbei noch seinen Doktor machen kann“, hat Domke einmal gesagt. Er war eher der Fußballer unter den Hockeyspielern, einer, der vor allem auf seinen Instinkt gehört hat. Bei der WM 2002 spielte er mit weißblond gefärbten Haaren, so wie einst Thomas Strunz. Nach dem Finale, das er mit seinem Tor zum 2:1 für die Deutschen entschieden hatte, turnte er übermütig auf der Latte.

Hockey oder Studium, Beruf oder Hockey? „Bei mir ging immer nur das eine“, sagt Domke. Er hat eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht und anschließend ein BWL-Studium angehängt – nur um weiter Hockey spielen zu können. 2004, ein paar Monate vor den Olympischen Spielen in Athen, traf Domke dann eine Grundsatzentscheidung: gegen die Nationalmannschaft und für eine Laufbahn als Beamter.

Für die Bundesliga reicht es noch. Im Viertelfinale gegen den BHC erzielte Domke schon nach 15 Sekunden das 1:0. „Er ist immer noch extrem torgefährlich“, sagt sein Trainer Stephan Decher, „technisch unbeschreiblich gut, nie ausrechenbar.“ Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren hat Domke in einem Halbfinale einmal alle Tore für seine Mannschaft erzielt. Das Spiel endete 8:8. Inzwischen sitzt er häufiger mal auf der Bank, gern auch etwas länger, und vom alten Kampfgewicht ist er gut fünf Kilogramm entfernt. „Man merkt, dass ich nicht mehr so fit bin“, sagt Domke. Der Aufwand, den er betreibt, liegt nicht mal bei zehn Prozent dessen, was er als Nationalspieler leisten musste. Wenigstens einmal pro Woche will er mit der Mannschaft trainieren. Manchmal schafft er nicht mal das: „Meine Lust auf Training liegt fast bei null.“

Eigentlich wollte Domke im Sommer, nach dem Aufstieg auf dem Feld, aufhören. Dann hat man ihm gesagt, dass Decher neuer Trainer in Rüsselsheim wird. „Scheiße“, hat er gedacht, weil er gleich wusste, was das für ihn bedeutet. Decher kennt er aus der Nationalmannschaft, sie verstehen sich blendend – nur seinetwegen hat er noch ein Jahr drangehängt. Aber Oliver Domke hat noch Ziele: erst den Titel in der Halle holen und dann den Abstieg auf dem Feld verhindern. Das wäre noch mal ein Höhepunkt, sagt er. „Und dann ist auch gut.“

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