Sport : Hockey: "Wenn es bei uns knallt ..."

Martin Scholz

Vor ein paar Tagen hat Christian Blunck mit Ahmed Shabaz telefoniert. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Hockey-Zeiten, als Blunck für die deutsche und Shabaz für die pakistanische Nationalmannschaft spielte. Ein Jahr lang hat Shabaz auch bei Bluncks Harvestehuder THC in der Bundesliga verbracht, und das war damals eine kleine Sensation. Um Hockey aber ging es bei dem Telefonat nur am Rande. "Wenn es hier knallt, kann ich dann zu dir nach Deutschland kommen?", hat Shabaz gefragt. Es sind keine ruhigen Zeiten mehr in Pakistan, dem von religiösen und innenpolitischen Gegensätzen zerrissenen Nachbarland Afghanistans. Nun ist der Ernstfall eingetreten. Die USA haben mit dem Militärschlag gegen das Taliban-Regime in Afghanistan begonnen. Und Shabaz hat Angst.

Hockey war in Pakistan über Jahrzehnte die Sportart Nummer eins. Shabaz wurde als bester Spieler der Welt von seinen Landsleuten verehrt und war ein gern gesehener Gast bei der Staatspräsidentin. Jetzt arbeitet er als Kotrainer der Nationalmannschaft, und die Erfolge sind rar geworden. Zwar zählt Pakistan noch immer zur erweiterten Weltspitze, aber das Potenzial wird kaum noch ausgeschöpft. Das einstige und einzige Aushängeschild Pakistans hat viel von seinem Glanz verloren. Längst hat Cricket Hockey den Rang abgelaufen. Damit lässt sich mehr Geld verdienen. Doch inzwischen sind sowieso andere Dinge wichtiger.

Wegen der unsicheren politischen Lage wurde Pakistan die prestigeträchtige Champions Trophy entzogen. Der Verband hatte zunächst die Sicherheit der Teilnehmer garantieren wollen, um die Entscheidung noch rückgängig machen zu können. Schließlich wurde die Absage doch akzeptiert - über eine finanzielle Entschädigung wird gerade mit dem Weltverband verhandelt. Nun wird Anfang November statt in Lahore im niederländischen Rotterdam Hockey gespielt.

Im Kreis der deutschen Mannschaft war der Ortswechsel vor dem Gegenschlag der Amerikaner kein großes Gesprächsthema. "Wichtig ist, dass die Trophy überhaupt stattfindet", meint Nationalspieler Michael Green. Das Turnier besitzt die höchste Wertigkeit aller in diesem Jahr veranstalteten Wettbewerbe. Ein Erfolg wird daher von der Sporthilfe entsprechend honoriert. "Die Verlegung war sinnvoll", sagt Green, "in Pakistan ist es derzeit zu unruhig." Angesichts der derzeitigen Lage findet der 29-Jährige die Verlegung angemessen.

Das Verhältnis der deutschen Hockey-Herren zu Pakistan war schon immer ein besonderes. Das letzte Aufeinandertreffen bei einem Turnier in Malaysia im August, bei dem das deutsche Team mit 5:3 die Oberhand behielt, war bereits das 100. Länderspiel zwischen beiden Nationen. Nur gegen den unmittelbaren Nachbarn Niederlande hat Deutschland öfter gespielt. Insbesondere bei sportlichen Großereignissen kreuzte keine Mannschaft so oft den Weg der Deutschen wie Pakistan. Wie im olympischen Finale 1972, als Deutschland sein erstes Gold gewann. Oder 1984, als sich Pakistan in der Verlängerung des Endspiels durchsetzen konnte und zum bislang letzten Mal Olympiasieger wurde.

Auch Michael Green hat eine Beziehung zu Pakistan. Seit fast zehn Jahren spielt er für den Harvestehuder THC, dort war neben Shabaz mit Tahir Zaman ein weiterer Pakistani kurzzeitig sein Vereinskollege. "Wir haben eine ganz andere Kultur näher kennen und verstehen gelernt", erzählt Green. Auf zahlreichen Hockey-Reisen habe er viel von Pakistan gesehen und die Menschen als sehr friedfertig empfunden: "Radikalismus habe ich nie erlebt. Die pakistanischen Spieler sind sehr weltoffen. Ich würde sie als eher westlich orientiert einschätzen. Aber es muss sehr schwer für sie sein, die Konflikte im eigenen Land zu erleben."

Green geht trotz der unsicheren Lage davon aus, dass Pakistan an der Trophy teilnehmen kann. Shabaz hat Blunck erzählt, die Vorbereitung verlaufe bislang wie geplant. Am Mittwoch haben sich 30 Spieler in einem Trainingscamp in Lahore getroffen. Mit dabei ist auch Ahmed Shabaz - als Spieler. Der Verband hat nach dem schlechten Abschneiden beim letzten Turnier in Malaysia Wiedergutmachung angemahnt, deswegen arbeitet der Star von einst an einem Comeback. Das ist gut für die Nationalmannschaft. Und es hilft Shabaz, in schweren Zeiten auf andere Gedanken zu kommen.

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