Sport : Höchstes Lob

Bundestrainer Brand vergleicht die deutschen Handballer mit den Weltmeistern von 1978 – sie sind längst besser

Benedikt Voigt[Athen]

Eigentlich ist Heiner Brand kein Mann für große Worte. Bei der Pressekonferenz in der Helliniko-Halle stützt der Handball-Bundestrainer seinen Kopf auf die rechte Hand und blickt minutenlang gelangweilt in den Raum. Am liebsten würde er wohl gar nichts erzählen. Später aber sagt er doch noch etwas: „Wir haben ein tolles Gemeinschaftsgefühl, das war sicher auch ein Merkmal der Mannschaft von 1978.“ Brand hat das etwas lakonisch ausgesprochen. Aber wenn man sich diesen Satz etwas länger durch den Kopf gehen lässt, merkt man: Das waren große Worte.

Keiner weiß besser als Heiner Brand, was im Handball der Mythos von 1978 bedeutet. Der Bundestrainer spielte in jener bundesdeutschen Mannschaft, die vor 26 Jahren in Dänemark den Weltmeistertitel holte. Dieses Team ist jahrzehntelang das Vorbild für alle nachfolgenden Nationalmannschaften im Westen Deutschlands gewesen, weil seitdem keine mehr an diesen Erfolg anknüpfen konnte. Die DDR gewann allerdings bei den Boykottspielen von 1980 eine olympische Goldmedaille. Wenn der Bundestrainer nun das aktuelle Team mit der längst verklärten Mannschaft um Arno Ehret, Joachim Deckarm und Erhard Wunderlich vergleicht, dann bedeutet es das größte Lob, das der Bundestrainer verteilen kann.

Doch der aktuelle Jahrgang könnte seine Vorbilder noch übertreffen, wenn er heute gegen Kroatien (15.45 Uhr) gewinnt und die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen erkämpft. Es ist die Wiederholung des WM-Finales vom vergangenen Jahr, als das deutsche Team den Kroaten 31:34 unterlegen war. Und bereits in diesem Februar ist die Mannschaft von Brand Europameister geworden. Es war der erste Titel seit 1978 – oder 1980, je nach Blickwinkel. Schon nach dem Gewinn des EM-Titels hatte Horst Bredemeier, der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, geglaubt, dass das aktuelle Team die alten Helden erreicht hätte. Doch es ist längst besser. Als Vize-Weltmeister 2003, Europameister 2004 und mindestens Olympiazweiter von 2004 hat es eine Konstanz gezeigt, die das Team von 1978 nicht bewiesen hat.

Heiner Brand symbolisiert die Verbindung zwischen den beiden Mannschaften. Der Bundestrainer, der in seiner aktiven Zeit als Abwehrspezialist galt, hat seine Mannschaft in der Defensive stark verbessert. „80 Prozent der Arbeit haben wir defensiv gemacht“, sagt Brand. Im Mittelblock greift er auf die bewährten Volker Zerbe, Klaus-Dieter Petersen und Christian Schwarzer zurück. „Ihre Beinarbeit ist sensationell gut“, sagt Brand, „die Größe hilft natürlich auch.“

Um die Stimmung in der Mannschaft zu fördern, ist der Bundestrainer im vergangenen Jahr in der Vorbereitung in einen Robinson-Club gefahren. Das braucht er nun nicht mehr zu wiederholen. „Die Mannschaft steckt nicht mehr im Anfangsstadium“, sagt Brand. Im Gegenteil, diese Mannschaft ist überreif. Acht Spieler, die am Freitag im Halbfinale Russland mit 21:15 geschlagen und sich damit bereits eine Silbermedaille gesichert haben, sind über 30 Jahre alt. Mindestens Schwarzer (34), Petersen (35) und Zerbe (36) werden nach diesem Turnier ihre Nationalmannschaftskarriere beenden. Es ist ihre letzte Chance, in die nationale Handball-Geschichte einzugehen. Als das Team aus dem Jahr 2004.

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