Sport : Höchststrafe im Schaugeschäft Hochleistungssport

JUTTA DEISS

HELSINKI .Wenn im Eiskunstlaufen die großen Hoffnungen sterben, dann bleibt den Hauptdarstellern oft wenigstens noch ein vielbeachteter Abgang: Die Zuschauer nehmen Anteil an ihren Tränen, ihrer Verzweiflung, ihren Schmerzen - und so schreiben sie gefühlvoll traurige, entsetzlich dramatische Geschichten in das Märchenbuch dieses Sports.Peggy Schwarz und Mirko Müller aber litten lautlos und unbemerkt vom internationalen Medienrummel, als sie nach einem verunglückten Kurzprogramm das Eis der prächtigen Hartwall Arena in Helsinki verlassen hatten.

Hinter dem Vorhang spendeten die Verbandspräsidentin und Mannschaftsleiter einigermaßen hilflos tröstende Worte: "Denke jetzt an die schönen Dinge im Leben", riet Angela Siedenberg, und Jochen Dachtler glaubte: "Noch ist nichts verloren." Mirko Müller trug eine einsame rote Rose in der Hand, die eine Verehrerin aufs Eis geworfen hatte.Draußen auf der Tribüne rollten die Schlachtenbummlerinnen aus dem Berliner Frauenhaus Bora ihr großes weißes Transparent ein, auf dem in englischer Sprache stand: "Wir sind auf allen Wegen mit euch." Ins Hotel fuhren die beiden alleine.Und zwar sofort.

Als knapp drei Stunden später endgültig feststand, daß das Deutsche Meister-Paar abgeschlagen auf Rang neun lag und heute in der Kür keine Aussicht mehr auf einen Platz auf dem Treppchen hat, diskutierte die Szene längst andere Namen: Ob die Titelverteidiger Elena Bereschnaja/Anton Sichuralidse tatsächlich doch noch einmal Gold holen könnten.Oder ob dem chinesischen Paar Xue Shen/Hongbo Zhao vielleicht der große Überraschungs-Coup gelingen könnte.Schwarz/Müller? Ein kleines Häuflein nationaler Berichterstatter wartete auf Erklärungen, die die Betroffenen selbst nicht finden konnten.Peggy Schwarz hatte den dreifachen Toeloop nur zweimal gedreht: "Das passiert mir im Training nie." Mirko hat es gleich "in ihren Augen gesehen", weil er ja während des Sprungs mit sich selbst beschäftigt war."Aber Blicke sagen alles." Danach sei eins zum anderen gekommen.Ratlos reihten die beiden mögliche Argumente aneinander.Sie sprachen sich Mut zu und sahen enttäuscht aus.Die Verzweiflung, die sie noch Ende Januar in Prag nach einem sensationellen Kurzprogramm und dem Absturz in der Kür auf Rang vier spürten, wich einer Annahme des Schicksals, aus dem Mirko Müller sich mit der Erinnerung kurz aufbäumte: "Wir waren die WM-Dritten, wir gehören da oben hin." Ja, vor einem Jahr waren sie selig, als sie zu ihrer eigenen Verblüffung WM-Bronze gewannen - freilich in einem Teilnehmerfeld, das die Olympiasieger nicht erlebte und das müde und nicht mehr in Hochform war nach einer langen Saison.

Das Glück hatte sie augenzwinkernd gestreift.Über den Sommer glaubten sie immer mehr daran, dieses Glück festhalten und nach den Sternen greifen zu können.Sie arbeiteten eifrig und ehrgeizig mit einem schwierigen Thema, der Darstellung der Gewalt gegen Frauen.Sie fanden Anklang, schöpften auch nach einer langwierigen Adduktoren-Verletzung der 27jährigen Peggy Schwarz wieder Hoffnung.Doch wieder einmal knickte die Stabilität, die sie im Training konstant beweist, im Wettkampf unter dem Druck der eigenen Erwartungen ein.Dabei ist gerade sie routiniert: Peggy Schwarz zählt in Helsinki ihre achte WM-Teilnahme seit ihrem Debüt 1989 mit ihrem damaligen Partner Alexander König.

Die Jahre hinterlassen Spuren, die man nicht mit medizinischer Leistungsdiagnostik erkennen kann.Und sei es nur, daß man manchmal müde wird bei dem Versuch, dem Pech davonzulaufen und das Glück einzufangen.Tapfer wehren sich die beiden gegen die drohende Gefahr, daß man sich in den Preisgerichten und bei den Medien zu sehr an ihre Rückschläge gewöhnen könnte.Denn dann heißt es rasch: Wie immer - und: Die schaffen es ja nie."Wir wissen, was wir drauf haben", betont Mirko Müller, "und wir wollen es beweisen." Aber er weiß, daß heute in Helsinki nur noch eine kosmetische Korrektur des Resultats möglich ist.Also denken sie daran, die Zukunft zu verlängern.Bisher wollten sie im Jahr 2000 Schluß machen.In Helsinki sagte Müller: "Wir können uns vorstellen, bis 2002 weiterzumachen." So ist es eben: Stürze sind schmerzhaft, aber Träume loszulassen, ist schmerzhafter.

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