Sport : Höher geht’s nicht

Hertha BSC schlägt den FC Bayern mit effektivem Spiel, taktischem Geschick und zwei Toren von Andrej Woronin 2:1 und übernimmt die Tabellenführung der Bundesliga

Michael Rosentritt
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Berlin - Herthas Trainer Lucien Favre hat sich in den vergangenen Wochen einen gewissen Ruf erworben. Der Schweizer ist bekannt geworden für kluge taktische und personelle Schachzüge, mit denen er schon manchen Gegner zur Verzweiflung gebracht hat. Aber was Favre sich gestern für das Spiel gegen den FC Bayern ausgedacht hatte, überraschte nicht nur die 74 244 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion, sondern auch und insbesondere den Gegner. Favre hatte Rodnei auf die Position des linken Verteidigers in die Startelf berufen und damit den Grundstein für den Erfolg gelegt. In einem sehr unterhaltsamen Spiel brachte Hertha eine 2:1 (1:0)-Führung erfolgreich über die Zeit und ist damit Tabellenführer – das erste Mal überhaupt während einer Rückrunde.

„Wir haben einen historischen Moment erlebt. Für uns ist alles perfekt gelaufen“, sagte hinterher Marc Stein, den Favre von der rechten auf die linke Verteidigerposition beordert hatte, weil er seine Stärke als lauffreudiger Spieler gegen Franck Ribéry einsetzen sollte. Diese Umstellung zahlte sich ebenso aus wie die Hereinnahme Rodneis. Sie betäubten die starke Bayern-Offensive. Anders als allgemein angenommen litt das Duell mit den Bayern keinesfalls unter den personellen Nöten Herthas. In Pantelic, Kacar und Cicero waren zwar gleich drei bedeutende Basisspieler nicht einsatzfähig, aber das machte die Gastgeber nicht zwangläufig schwächer. Dabei hatte der Brasilianer Rodnei bisher nicht eine Bundesligaminute gespielt. Jetzt spielte er gegen Luca Toni und Miroslav Klose. Und wie.

Die Bayern waren das dominantere Team. Vor allem im ersten Abschnitt benötigte Hertha viele Fouls, um das Spiel der Gäste zu unterbinden. Die Berliner versuchten ihrerseits mit konterartigen Gegenstößen zum Erfolg zu kommen, denen es oft an Präzision fehlte. Dennoch: Hertha arbeite konzentriert und mit viel Elan gegen die größere fußballerische Qualität der Gäste. „Wir sind gelaufen und haben gekämpft. Das ist ein Sieg für die Mannschaft“, sagte Favre mit Glanz in den Augen.

Ein bisschen war es wie am Mittwoch beim Länderspiel gegen Norwegen. Wie die deutsche Nationalelf hatten auch die Bayern in Sachen Ballbesitz und Zweikampfbilanz ein deutliches Übergewicht, ohne davon entscheidend profitieren zu können. Herthas gut organisierte Defensive ließ im ersten Abschnitt fast keine Chance zu. Im Gegenteil, Hertha war mal wieder effektiver. Nach einer halben Stunde hatte Pal Dardai die Führung auf dem Fuß. Seinem Linksschuss stand Zé Roberto auf der Torlinie im Weg. Nur einmal, fünf Minuten später, wurde es für die Gastgeber gefährlich, als ein Kopfball Tonis am langen Pfosten vorbei strich. Anschließend musste der leicht humpelnde Italiener raus. Für ihn kam Landon Donovan. „Wir sind enttäuscht und verärgert“, sagte hinterher Jürgen Klinsmann, in der ersten Halbzeit sei seine Mannschaft zu hektisch gewesen. Tatsächlich nutzte Hertha eine kleine Fehlerkette der Bayern zur Führung. Sieben Minuten vor dem Halbzeitpfiff köpfte Andrej Woronin das 1:0, womit Hertha die Tabellenspitze erklomm. Der Stürmer hatte sich im Rücken von Abwehrspieler Christian Lell den entscheidenden Vorteil verschafft. Zuvor hatte Bayerns rechter Außenverteidiger einen schlecht getimten Diagonalball auf Patrick Ebert geschlagen, der schließlich die Flanke zum Tor gab.

Mit Beginn der zweiten Hälfte kamen die Bayern mit größerer Laufbereitschaft besser ins Spiel. Nach gut zehn Minuten verhinderte Torwart Jaroslav Drobny mit einer glänzenden Parade den Ausgleich. Der Tscheche klärte reflexartig einen Kopfball Donovans. Dann erhöhten die Bayern noch einmal den Druck. Nach einer Stunde nahm Klinsmann den überforderten Lell vom Feld, für ihn kam der Mittelfeldspieler Tim Borowski. Kurz darauf war es Miroslav Klose, der das 1:1 erzielte. Lucio hatte einen Gewaltschuss auf das Tor abgegeben, den Drobny ebenso parierte wie den Nachschuss von Bastian Schweinsteiger. Doch den erneuten Abpraller drückte der deutsche Nationalstürmer mit dem Kopf über die Linie. Damit hatte Hertha die Tabellenführung an Hoffenheim wieder verloren. Knapp zehn Minuten später bot sich erneut Schweinsteiger eine Torchance – Drobny war zur Stelle. Das war er auch, als nach einem wunderschönen Angriff der Bayern über Ribéry erneut Donovan vor ihm auftauchte. „Wir hatten genügend Chancen, um selber das 2:1 zu machen. Jetzt müssen wir es noch einmal aufschieben, ganz nach vorn zu kommen“, sagte Klinsmann nach der zweiten Rückrundenniederlage seines Teams.

Jaroslav Drobny hatte Hertha in einer schwierigen Phase im Spiel gehalten. Seine Mitspieler zeigten sich auf ihre Weise erkenntlich. In einer Kontersituation hielt Raffael den Ball so lange, bis sich ihm die Lücke für ein steiles Anspiel in die Spitze auf Woronin bot. Erneut ließ sich der Stürmer die Chance nicht nehmen. Der Ukrainer zog sofort ab und überwand den herausstürmenden Michael Rensing. Damit hatte Hertha unter einem im Olympiastadion selten erlebten Jubel erneut die Tabellenspitze übernommen. Das Publikum applaudierte auch, als Rodnei kurz vor Schluss angeschlagen vom Feld musste. Er winkte fröhlich erschöpft zurück. Er weiß: Neben den zweimaligen Torschützen Woronin wird dieser Sieg auch mit seinem Namen auf ewig in Verbindung zu bringen sein.

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