Sport : Höher hinaus

Der Stabhochspringer Björn Otto darf nicht mit zur Leichtathletik-WM. Jetzt will er Pilot werden

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Blick nach vorn. Björn Otto hat nach der
Blick nach vorn. Björn Otto hat nach derFoto: dpa

Berlin - Ganz am Ende des langen, schmalen Podests wartete Björn Otto mit seinem meterlangen Stab. Seine Augen fixierten die Matte, sie fixierten seinen Helfer, der mit seinen Fingern die Windstärke anzeigte, er bereitete sich auf seinen zweiten Versuch vor. Die Latte lag bei 5,82 Metern, so hoch hatte er sie legen lassen; die Zuschauer am Ku’damm klatschten rhythmisch zu Rockmusik. Und während sie klatschten, stand vorne, neben den Haltestangen, der Moderator mit seiner coolen Sonnenbrille und seinem Mikrofon und brachte einen lockeren Spruch: „Ich kann versichern, die Anlage ist ausgemessen.“

Er ging ein wenig unter, dieser Satz, weil sich die Leute für den Sprung interessierten und viele von ihnen wohl nur zufällig hier das Show-Stabhochspringen in Berlin verfolgten, das die Organisatoren des Istaf-Meetings ausgerichtet haben. Aber hinter diesem Satz steht die ganze Frustration des Stabhochspringers Björn Otto vom TSV Bayer Uerdingen/Dormagen. Und wer noch zuhörte, als er nach seinem dritten gerissenen Versuch über 5,82 Meter das Mikrofon hielt, der hörte auch noch den Satz: „Es ist zum Kotzen.“

Björn Otto hängt an diesem Wochenende an den Gurten seines Gleitschirms und schwebt zur Erde; genau genommen, ist das auch zum Kotzen. Er hat dafür Zeit, er ist nicht in Daegu, Südkorea, wie die anderen deutschen Spitzen-Leichtathleten. Dort beginnt am nächsten Samstag die WM. Otto ist Anfang August in Landau 5,80 Meter gesprungen, weit mehr als die WM-Norm, aber die WM findet ohne hin statt. „Eine ominöse Geschichte“, sagt Otto. „Da fragt man sich schon, ob irgendjemand einen da nicht dabei haben möchte.“

Das klingt nach Verschwörungstheorie, das klingt nach Unsinn, das weiß auch Otto. Das sagt er auch. Es gibt den nüchternen, 33-jährigen, sehr erfahrenen Athleten, der abgeklärt erzählt: „Mit so einer Situation muss man umgehen können. Das Leben geht weiter. Ich kann an den Tatsachen nichts ändern.“

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch den Stabhochspringer, der immer noch um Fassung ringt, wenn er an Landau und die Folgen denkt. In Landau hatte der Veranstalter versäumt, den Anlauf mit einem Lasergerät zu vermessen. Der Anlauf muss komplett eben sein, mit High-Tech-Geräten dokumentiert, sonst zählen die Ergebnisse nicht. So lautet eine Regel. „Blödsinn“, sagt Otto. „Es gibt 50 hochwertige Wettkämpfe, bei denen das nicht passiert ist. Es ist ja auch nicht nötig. Mit der Wasserwaage kann man genauso gut messen.“ Er deutet mit einer schnellen Bewegung auf die Häuser neben der Anlage. „Da könnte man ja auch einem Architekten vorwerfen, dass er schief baut, nur weil er keine Lasermessung vorgenommen hat.“

Landau steht für eine besondere Form des Frusts. 15 Wettkämpfe hatte Otto bis dahin gemacht, nur zwei waren richtig gut, der eine war Landau, sein 500. Stabhochsprung-Wettbewerb. Er ist jetzt 33, er bewirbt sich für eine Ausbildung zum Flugpiloten; wird er genommen, beendet er vermutlich die Karriere. Gut möglich also, dass die WM sein letzter großer Höhepunkt gewesen wäre.

In Mannheim hätte Otto sich noch für die WM qualifizieren können, es gab noch einen freien Platz, aber sein Klubkollege Karsten Dilla und er sprangen gleich hoch, die WM-Norm: 5,72 Meter. Am Ende entschied sich der Verband für Dilla. Und Otto sitzt jetzt da, auf einer Plastikschale in der ersten Reihe der kleinen Tribüne, die sie am Ku’damm aufgebaut haben, und sagt sanft, aber fast trotzig: „Die 5,80 Meter stehen. Ich bin sie gesprungen, auch wenn mit der Wasserwaage gemessen wurde.“

Die Zukunft von Björn Otto ist ungewiss. Einerseits kann er sich vorstellen, dass er noch lange springt. Seine Bestleistung, die 5,90 Meter, „das muss nicht das Ende der Fahnenstange sein“. Andererseits ist er seit ein paar Wochen Diplombiologe, und vor allem möchte er Pilot werden. Älter als 35 darf ein Schüler aber nicht sein. Er hat am 16. Oktober Geburtstag, rein theoretisch könnte er direkt nach den Olympischen Spielen noch mit der Ausbildung beginnen. Der letztmögliche Zeitpunkt. „Wenn das klappen würde“, sagt Otto, und jetzt blickt er fast selig, „das wäre der Hammer.“

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