Sport : Hoeneß gegen Daum: An den Haaren herbeigezogen

Johannes Taubert

In München gehen die Uhren offenbar anders. Und jeden Tag ticken sie weiter neben der Zeit her, und doch ticken sie immer lauter. Bayern Münchens Vizepräsident Scherer fordert, der angehende Bundestrainer Christoph Daum möge doch sein Körperhaar analysieren lassen, dann habe man endlich Klarheit. (Ob er ein Kokser ist oder nicht.) Und der Kaiser raunt: "Die Gerüchte gibt es doch seit Jahren, (also auch schon, als man ihn gemeinsam mit den Leverkusenern zum Bundestrainer kürte), der Christoph muss jetzt in die Offensive gehen, ich mein, ich sag das ja bloß." Und wenn er dann clean ist, machen wir einen zünftigen Friedensgipfel und vergessen den ganzen Schmarrn. Ja, ist schon wieder Weihnachten?

Bezeichnender Weise hält das bajuwarische Idiom die treffenste Vokabel für derartiges Verhalten bereit: hinterfotzig. Mit einem hübschen, perfiden Nebeneffekt: Lässt sich Christoph Daum an den Haaren herbeiziehen, unterwirft er sich damit der justitia bavariae, erkennt sie damit auch an und kann als Marionette weiter trainieren. Macht er es nicht, kann man fröhlich weiterübelnachreden. Seht her, er will sein Haar nicht lassen, dann muss wohl doch etwas dran sein, von dem, was wir behaupten.

Es ist schon seltsam, was da Tag für Tag aus München angeboten wird, und mit jedem Tag ohne Beweise gegen Christoph Daum wird es seltsamer. Im Rechtsstaat kann kein Staatsanwalt lediglich mit Anschuldigungen, und mögen sie noch so naheliegend sein, einen Haftbefehl erwirken. Der Richter wird ihn nach der ersten Anhörung entlassen mit den Worten: Kommen Sie wieder, wenn sie konkrete Beweise haben. Ein wenig mehr Rechtsstaat im Freistaat wäre also auch nicht schlecht. Und manche Uhren, so scheint es, ticken dort nicht nur anders, sondern auch nicht mehr ganz richtig.

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