Sport : Hoeneß gegen Daum: Ein Fußballkrieg um Sex und Drogen

Detlef Dresslein

Bis vor kurzem hätte man sich, etwa für das Jahr 2030, noch dieses Szenario vorstellen können: Die ehrenwerten Herren Christoph Daum und Ulrich Hoeneß sind in der selben Seniorenresidenz gelandet, sitzen dort auf der Parkbank und keifen sich munter an. Abends verstecken sie sich gegenseitig das Gebiss, beim Frühstück den Kaffeelöffel. Sie sind boshaft, aber irgendwie liebenswert. Es ist eine Art Hassliebe, die noch aus Zeiten herrührt, da der eine als Trainer und der andere als Manager das deutsche Profifußballgeschäft belebten. Ein ewiges Zetern und Sticheln, harmlos und immer im Wissen, dass es ohne den anderen irgendwie langweilig wäre.

Doch seit vergangenem Wochenende scheint das undenkbar. Vorbei mit harmlos. Erst wollte Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, ja gar nichts sagen. Aber wer ihn kennt, der wusste genau, der ist wie ein Luftballon voller Wasser, ein Dampfkessel mit Überdruck, wie er dasteht und mit den Füßen wippt und sagt: "Ich werde den Medien jetzt kein Futter geben für die nächsten 14 Tage." Da ging es noch um allgemeine Dinge, den FC Bayern betreffend. Aber dann kam die Frage nach Christoph Daum und seiner Beschäftigung als Bundestrainer ab Juni 2001. Und da platzte der Ballon, beziehungsweise der Dampfkessel. Die Sache sei "noch lange nicht vom Tisch", und man werde noch mal darüber nachdenken müssen, ob dieser Daum der Richtige sei. Am Tag darauf plauderte Hoeneß noch weiter: Die Münchner "Abendzeitung" habe ja ganz unwidersprochen vom "verschnupften Daum" geschrieben. Dabei ging es nicht um eine verschleppte Grippe, sondern um Gerüchte in der Branche, Daum habe Drogenprobleme. Und: "Es geht darum, was sich in den letzten sechs Monaten ereignet hat um Herrn Daum, um sein privates Umfeld, seine Werbeverträge, um Erpressungsversuche und Prostituierte, wovon er ja selber gesprochen hat. Um all die Scheiße geht es." Punkt. Das saß.

Es ist die Eskalation einer wechselseitigen Hassliebe. Seit den Tagen des Trainerneulings Christoph Daum beim 1. FC Köln im Jahr 1989 geht das so. Mit dem Satz: "Jede Wetterkarte ist interessanter als ein Satz von Jupp Heynckes" hat Daum seinerzeit die Fehde eröffnet. Heynckes war damals der Trainer der Bayern. Regelmäßig vor Spielen schoss Hoeneß seine verbalen Pfeile gen Daum und umgekehrt. Daum ließ seine Mannschaft motivationshalber über Scherben laufen und Eirsenrstangen verbiegen, Hoeneß hieß ihn alsbald einen "Dummschwätzer". Im Februar 2000, kurz bevor die Leverkusener beim FC Bayern mit eins zu vier verloren, herrschte Daum einen Reporter an: "Sie sind genauso ahnungslos wie Uli Hoeneß."

"Der wird uns in hundert Jahren nicht überholen", tönte Hoeneß noch im Dezember 1998. Die hundert Jahre schienen rund 18 Monate später vorbei zu sein. Daums Leverkusener lagen vor dem letzten Spieltag vorne, brauchten nur noch einen Zähler aus dem Spiel in Unterhaching, um Deutscher Meister zu werden. Das Ergebnis: Leverkusen verschleuderte den Meistertitel ausgerechnet im rund 14 Kilometer vom Olympiastadion, der Heimat des FC Bayern, entfernten Sportpark Unterhaching. Leverkusen empfing Hohn und Spott quer durch die Republik. Nur Uli Hoeneß sprach davon, wie schlimm es sein müsse für Daum, und dass er mitfühlen könne. Kein Hohn, kein Spott, ausgerechnet von Hoeneß. Dafür reichlich Mitleid. Ausgerechnet von Hoeneß.

Daum wurde für Hoeneß zum geliebten Feind. Hoeneß forderte tatsächlich, Daum solle Bundestrainer werden. Sicher auch, damit keiner auf die Idee kommen möge, den eigenen Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld vom FC Bayern in die Bundestrainerrolle wegzuloben. Und so sollte es sein: Daum würde Bundestrainer ab 2001, bis dahin lotst Teamchef Rudi Völler das traurige Schlachtschiff Nationalmannschaft. Doch es kam anders: Völler entfachte eine nicht für möglich geglaubte Begeisterung um die deutsche Auswahl. Jene Tatsache und die Gerüchte um Daum ließen Hoeneß wohl nachdenken, heißt es beim FC Bayern. Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge vermutet: "Der Uli ist nicht bereit, stillschweigend etwas zu unterstützen wie im Falle Erich Ribbeck."

Der unvermeidliche Paul Breitner, Privatier und Meinungshabender zu allem in Sachen Fußball, gab schon eine düstere Zukunftsprognose ab: "Die Sache wird als größter Skandal in die Bundesliga-Geschichte eingehen. Ich bin mir sicher, dass es am Ende dieser Sache einen der beiden in der Bundesliga nicht mehr geben wird. Es wird ein Erdbeben auslösen, zu Gunsten von Daum oder gegen ihn."

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