Hoeneß vs. Gegenbauer : Berliner Eigentorheiten

Sie sind die starken Männer von Hertha: Manager Dieter Hoeneß, der Fußballer, und Präsident Werner Gegenbauer, der Unternehmer. Jetzt bekommt die Freundschaft vor aller Augen Risse.

Sven Goldmann,Friedhard Teuffel
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Sie sind sich nicht mehr grün. Dieter Hoeneß (links) und Werner Gegenbauer beim Golfspielen. -Foto: Davids/Darmer

Es war das Spiel des Jahres. Und ausgerechnet diesmal saßen die Freunde beim Zuschauen auf der Tribüne nicht nebeneinander. Auf einmal war es ihnen nicht mehr wichtig, immer wieder die Köpfe zusammenzustecken und zu besprechen, was unten passiert – auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions beim Spiel Hertha BSC gegen Galatasaray Istanbul im Uefa-Pokal. Es war etwas kaputtgegangen.

Dieter Hoeneß, Herthas Manager, verzichtete auf den Platz neben Werner Gegenbauer, dem Präsidenten des Vereins. Er überließ ihn dem Vizepräsidenten Jörg Thomas. Der thronte dann wie ein Bollwerk zwischen den beiden, und unten verlor Hertha.

Nach dem Spiel standen die Männer Seite an Seite in den Katakomben des Stadions. Es war eng, es war laut, ungeheuer viele türkische Reporter drängten mit Fragen, als hingen sie Hoeneß am Hals, so sah es aus – und, als würde der Manager unter dem Ansturm immer kleiner, als ginge er in die Knie, sein markanter Kopf reichte gerade noch bis zu Gegenbauers Schulter.

Werner Gegenbauer hat Dieter Hoeneß in die Knie gezwungen. Das ist das Ergebnis eines mehr oder weniger sportlich ausgetragenen Duells dieser Woche. Es ging darin um Eitelkeiten, unterstellte Vertrauensbrüche und einen Abschiedstermin.

Vereinspräsident Gegenbauer jedenfalls hat Hoeneß klargemacht, dass dessen Zeit bei Hertha begrenzt ist, bis zum Ablauf seines Vertrags am 30. Juni 2010. Das war nicht ganz das, was Hoeneß sich erträumte. „Abschied nehmen fällt immer schwer“, sagte dazu Gegenbauer.

Lange schien es unvorstellbar, dass ein anderer als Hoeneß über die Geschicke von Hertha BSC bestimmt. Hoeneß war der Mittelpunkt im Sonnensystem des Vereins. Und jetzt kommt da jemand und bereitet das Ende dieser Ära vor. Gerade jetzt, in der besten Phase des Vereins seit Jahren; der Klub belegt vor dem Spiel an diesem Samstag bei Schalke 04 den dritten Tabellenplatz. Und dann gerade er, Gegenbauer, der Freund, mit dem Hoeneß regelmäßig Golf spielt, der mit ihm Geburtstage feierte.

Hoeneß, 55, kommt aus dem Fußball und hat von dort die Emotionen mit ins Management gebracht. Bälle fordern, schießen, treffen, jubeln. So tickt ein Stürmer.

Gegenbauer, 58, dagegen ist Unternehmer. Er arbeitet strategischer, kühler. Er übernahm 1986 die Leitung der Firma Gegenbauer, die sein Vater gegründet hatte, ein Gebäudereinigungsbetrieb. Baute ihn immer weiter aus, bis eine Unternehmensgruppe entstanden war, die mehrere Branchen vereinte: zur Gebäudereinigung kamen Sicherheitsdienstleistungen und ein Ticketservice. Weiter betreibt Gegenbauer die Max-Schmeling- Halle und das Velodrom. 13 000 Menschen beschäftigt die Firmengruppe an 40 Standorten, der Jahresumsatz im vergangenen Jahr betrug fast 300 Millionen Euro.

Der Mann hinter all dem ist ein Geschäftsmann mit Berliner Schnauze. „Den hätt ick erst mal frisch jemacht“, kann er genauso raunzen wie nach einem großen Erfolg kokettieren: „Da haben wir uns doch jetzt nicht soooo schlecht angestellt.“ Er hat sich in der Stadt auch jenseits der Arbeit vernetzt wie kaum ein zweiter: Er ist Ehrenpräsident der Industrie- und Handelskammer, hat einen sehr kurzen Draht zum Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, er veranstaltet jedes Jahr das Leichtathletik-Meeting Istaf und hat quasi im Alleingang die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in die Stadt geholt. Dazu kommen Sitze in den Vorständen der Fördervereine des Deutschen Historischen Museums, der Komischen Oper und der Berlinischen Galerie. „Ich bin doch gar nicht der Fachmann. Es macht einfach Spaß, mit den Leuten zusammen zu sein, ich profitiere doch mehr von denen als die von mir“, sagt er. Das Motiv neben dem persönlichen Spaß und Einfluss sei die Stadt. Berlin-Patriot Gegenbauer hätte sogar die erste Phase einer Olympiabewerbung aus eigener Tasche bezahlt, wenn er die politische Unterstützung dafür gehabt hätte.

Wer mit ihm zusammenarbeitet, berichtet von einem „seriösen, knallharten Geschäftsmann, der sein Unternehmen mit Härte und Sachverstand führt“, wie es Peter von Löbbecke ausdrückt, der Geschäftsführer des Olympiastadions.

Diesen Stil hat Gegenbauer nun auch auf das Unternehmen Hertha BSC übertragen. Und sein Amt über eine Freundschaft gestellt.

„Der Manager hatte die Chance, öffentlich den Aufschwung von Hertha BSC darzustellen“, hat Gegenbauer in dieser Woche öffentliche Äußerungen von Hoeneß kommentiert, „aber er hat Dieter-Hoeneß-Festspiele daraus gemacht.“ Hat sich in dieser Lesart wichtiger genommen als das große Ganze, als den Verein, vielleicht auch als den Präsidenten. So etwas tut man nicht.

Aber Hoeneß hat eben nur diesen einen Job bei Hertha. Als er 1996 zu dem Berliner Verein kam, sei der noch einmal neu gegründet worden. So hat Hoeneß es selbst gerne dargestellt. Das ist korrekt analysiert, aber recht einseitig interpretiert. Es gab keinen großen früheren Fußballspieler im Klub, so wie ihn, der 1986 sogar in einem Weltmeisterschaftsendspiel dabei war. Gegenbauer, jahrelang im Aufsichtsrat des Klubs, habe er im Kerngeschäft nie so recht ernst genommen, weil der zwar ein versierter Wirtschaftslenker sei, aber eben doch nie ein Länderspiel bestritten habe. Mit ihm als echtem Konkurrenten hatte Hoeneß nie gerechnet.

Doch als Gegenbauer im Frühjahr dieses Jahres vom Aufsichtsratsvorsitz auf den Präsidentenstuhl gewechselt war, bekam er großen Einfluss. Die neue Satzung von Hertha BSC verleiht ihm mehr Macht. Hertha hatte nun zwei starke Männer, und in dieser Woche konnte jeder dem anderen zeigen, wer der bessere Manager ist.

Vielleicht tut es Gegenbauer inzwischen sogar leid, seinen Freund auch umgekehrt mit öffentlichen Äußerungen verletzt zu haben. „Bei Gegenbauer menschelt es immer“, sagt von Löbbecke. Dass Gegenbauer seinen Gefährten mitten im Höhenflug des Klubs zurechtgewiesen hat und nicht früher, war sicher kein Zufall. „Sportlicher Misserfolg plus Führungskrise – dann wäre der Verein explodiert“, sagt einer aus der Klubführung. Gegenbauers Loyalität gegenüber Hoeneß war lange Zeit unantastbar, aber sie war deshalb offenbar noch lange nicht endlos. „Es muss ein Gesicht geben, das Hertha in der Öffentlichkeit prägt, und dieses Gesicht ist Dieter Hoeneß“, sagte er, als der Manager wegen der sportlichen wie wirtschaftlichen Schieflage des Vereins immer wieder in die Kritik geriet. Er selbst, Gegenbauer, blieb stets im Hintergrund.

Ein einziges Mal hat er vor einem größeren Publikum die Contenance verloren. Das war bei seiner Wahl zum Präsidenten im Mai dieses Jahres, als ein Vereinsmitglied ohne jeden Beleg behauptete, in Gegenbauers Firma würden leitende Angestellte unter einem Bild Heinrich Himmlers wüste Gelage feiern. Fassungslos wies Gegenbauer die Attacke zurück. „In der Firma Gegenbauer arbeiten Menschen aus 90 Nationen friedlich zusammen“, mehr gebe es dazu nicht zu sagen. Der andere aber mochte nicht nachgeben, und auf einmal schien ein Hauch der alten Krawall-Hertha durch den Saal zu wehen. Da geschah etwas Bemerkenswertes: Das Auditorium pfiff den Provokateur nieder und bedachte Gegenbauer mit Ovationen.

Am Sonntagnachmittag hat Gegenbauer mit Hoeneß ein Spiel der zweiten Mannschaft besucht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hoeneß gerade sein drittes Interview binnen drei Tagen gegeben, Gegenstand war jeweils seine Zukunftsplanung. Im Nachhinein dürfte Gegenbauer sich darüber gewundert haben, dass der Freund dieses Thema kein einziges Mal im persönlichen Gespräch angeschnitten hatte. Wie ein normaler Fan erfuhr der Präsident erst aus den Zeitungen über die Karriereplanung seines wichtigsten Mitarbeiters. So wie er zuvor schon in der Zeitung Vertrauliches gefunden hatte: Hoeneß hatte Pläne für ein neues Hertha-Stadion ausgeplaudert. Als Gegenbauer am Montagvormittag während einer Dienstreise nach Magdeburg mit Hoeneß’ Plaudereien konfrontiert wurde, hatte er alle Mühe sich zusammenzureißen.

Ohne Hoeneß hätte Hertha den Aufschwung so nicht geschafft, doch wie jetzt mit dem Erfolg umgehen? Gegenbauer will Maßhalten. Und was er von Hoeneß mitbekam, war dessen Nachdenken über neue Spieler. Das war Gegenbauer dann zu viel.

Die Abkapselung vom Männerfreund Hoeneß hatte aber wahrscheinlich schon vor drei Jahren begonnen, in den Tagen tiefster sportlicher Krise, die vor allem Dieter Hoeneß und seiner Personalpolitik angelastet wurde. Entnervt von den permanenten Attacken erklärte Hoeneß, er wolle sich nach Auslaufen seines bis zum 30. Juni 2010 gültigen Vertrages zurückziehen. Das war vielleicht im Affekt gesprochen, doch wenn er auf eine Intervention seiner Vertrauensleute wartete, dann tat er dies vergeblich. Also ließ Hoeneß schließlich selbst Zweifel aufkommen an der Richtigkeit seines Rückzugs.

Gegenbauer reagierte befremdet – in der Wirtschaft gelte ein Rücktritt als Rücktritt, darüber werde nicht weiter verhandelt– und verfolgte irritiert, wie Hoeneß seinem potenziellen Nachfolger Michael Preetz mehrfach die Fähigkeit dafür absprach. Als Preetz dann im Frühjahr 2007 seine Bereitschaft zur Amtsübernahme erklärte, sagte Gegenbauer: „Ich habe mich über die klaren Worte von Michael Preetz gefreut. Er hat die erste Option auf den Job.“ Hoeneß soll später getobt haben.

Zu den Erfahrungen, die Gegenbauer Hoeneß voraus hat, gehört vor allem die: Abschied nehmen zu können. 2001 zog sich Gegenbauer aus dem operativen Geschäft seines Unternehmens zurück, „aus strategischen Gründen, alleine hätte ich das Unternehmen nicht in europäische Dimensionen führen können“. Gelöst hat er sich auch von der Leichtathletik-WM.

Er hat sie in die Stadt geholt, indem er sich bei allen Entscheidungsträgern des Internationalen Leichtathletik-Verbandes persönlich vorstellte. Doch als Berlin den Zuschlag erhalten hatte und die WM eine Organisationsstruktur bekam, lief es nicht mehr so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er zog sich zurück. „Ich habe mir die entspannte Distanz erarbeitet“, sagt er inzwischen und lässt damit durchklingen, dass ihm auch dieser Abschied schwer gefallen ist.

Dabei sein wird er dennoch. Er hat sich vier Karten für Plätze auf Höhe der Ziellinie gekauft.

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