Sport : Hört mich keiner?

Oliver Kahn versteht seinen FC Bayern nicht

Daniel Pontzen[München]

Zum Ende eines entbehrungsreichen Arbeitstages hätte Felix Magath doch noch einiges von dem sehen können, worauf er zuvor 90 Minuten lang vergeblich gewartet hatte. Bevor er den Presseraum verließ, in dem er gerade nach Erklärungen für die Darbietung seiner Mannschaft gesucht hatte, schaute er auf das Fernsehgerät über dem Ausgang. Einige Sekunden lang blieb sein Blick auf dem Bildschirm haften, dann machte sich Magath auf in den Feierabend. Zu sehen waren Ausschnitte aus dem Spiel seines ehemaligen Vereins VfB Stuttgart: Angriffe, Torschüsse und entschlossenes Kombinationsspiel. All das also, was ihm sein Team beim 0:1 gegen Schalke vorenthalten hatte. „Ein schwaches Spiel“ hatte Magath das Werk seiner Schützlinge genannt, bildhafter formulierte es Michael Ballack. Ein „Scheiß-Spiel“ attestierte er der Mannschaft, und es fanden sich wenige Argumente dagegen.

Drei Tage vor dem Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin enttarnte der auffällig uninspirierte Auftritt der Münchner den jüngsten Aufwärtstrend als flüchtige Episode. Gegen Schalke zeigte der Rekordmeister sein schwächstes Heimspiel der Saison, nicht eine echte Torchance erspielte er sich. „Ich dachte eigentlich, dass wir begriffen haben, was der Trainer will“, ereiferte sich Oliver Kahn, „ich verstehe das nicht.“ Mit dem Kapitän war auch der Großteil der 63 000 Zuschauer überrascht, wie wenig übrig geblieben war vom Elan und Spielwitz, der beim 4:0 über Ajax Amsterdam vor zweieinhalb Wochen die Startschwierigkeiten der Münchner beendet zu haben schien. Das Mittelfeld schleppte sich müde über den Platz, und in der Spitze vereinsamte Roy Makaay. Unterstützung erhielt er auch in der Schlussphase nicht. Nachwuchsstürmer Paulo Guerrero sei für so ein wichtiges Spiel nicht der richtige Mann, entschied Magath. Stattdessen wechselte er Martin Demichelis und Willy Sagnol ein; zwei Spieler, die mit dem Etikett Edeljoker kaum zutreffend beschrieben sind.

Die Gründe für die widerstandslos geduldete Niederlage sah Magath allerdings nicht in der Aufstellung. „Vom Siegeswillen her war das zu wenig“, sagte der Trainer, der schon zum Gegner schauen musste, um ein Beispiel für die ihm vorschwebende Arbeitseinstellung zu finden. „Es ist kein Zufall, dass Gerald Asamoah das Tor macht. Er läuft immer, kriegt auf die Socken und macht trotzdem weiter.“ Aus seiner Generalkritik nahm Magath lediglich Lucio und Oliver Kahn aus. Letztgenannter – nach den Querelen der letzten Tage konzentriert und fehlerfrei – hatte für das laxe Auftreten seiner Kollegen wenig Verständnis. „Es muss doch jeder Spieler wissen, was hier von ihm verlangt wird. Das sind 100 Prozent“, schimpfte Kahn und richtete seinen Teamkollegen mit Blick auf das Saisonziel Meisterschaft eine dringliche Mahnung aus: Die vergangene Spielzeit habe gezeigt, „dass man nicht so viel Boden verlieren darf, auch nicht am Anfang einer Saison. Wir können nicht immer Sprüche machen: ‚Ja, das kommt schon noch.’“ Sechs Punkte Rückstand haben die Bayern nach knapp der Hälfte der Hinrunde zur Tabellenspitze – letztes Jahr waren es zwei.

Vor dem Spiel in Turin, bei dem neben dem gegen Schalke geschonten Ze Roberto auch Vahid Hashemian wieder zur Verfügung stehen wird, ist eine Menge Aufarbeitung zu erledigen. Hierzu hatte sich Magath gleich nach dem Spiel mit ausreichend Videomaterial vom Samstag eingedeckt. Was er damit zu tun gedachte, verriet er nicht. Wäre er tatsächlich ein gemeiner Mensch, wie sein Spitzname Quälix vermuten lässt, würde er das Spiel einfach seiner Mannschaft vorführen. In voller Länge.

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