Sport : Hoffen auf die schweigende Masse

Rassistische Ausfälle werden seit 1. April auch in den unteren Fußballligen hart bestraft – viele Vereine geben sich unbeeindruckt

Frank Bachner

Berlin - Heute treffen sich führende Funktionäre des Nordostdeutschen Fußball-Verbands (NOFV). Es geht um Adebowale Ogungbure, der bei einem Oberliga-Spiel in Halle rassistisch beschimpft und attackiert worden war. Es soll darum gehen, wie der Fall des Nigerianers vom FC Sachsen Leipzig geahndet wird. Und darum, ob rassistische Ausschreitungen auf ostdeutschen Fußballplätzen besser verhindert werden können. Kurioserweise steht allerdings ein anderes Thema auf Tagesordnung. Zunächst wollen die Funktionäre klären, ob das Sportgericht die Angriffe auf Ogungbure überhaupt verhandelt. Bisher wurden nur die Vereine Halle und Leipzig zu Geldstrafen verurteilt, weil Feuerwerkskörper abgebrannt worden waren. „Bei diesem Verfahren wurde Ogungbure nur als Zeuge vernommen“, sagt Dieter Rieck, der NOFV-Sicherheitsbeauftragte. Wenn der Schiedsrichter die Schläge notiert hätte, wäre automatisch ein Verfahren eingeleitet worden. Aber der Schiedsrichter war bereits in der Kabine.

„Ein zuständiges Organ kann nun ein Verfahren beantragen“, sagt Holger Fuchs, der Geschäftsführer des NOFV. Der Sicherheitsausschuss zum Beispiel. Warum wurde bisher kein Antrag gestellt, obwohl die Attacken durch Fotos belegt sind und durch viele Zeitungen gingen. „Weil ich nicht alle Zeitungen und Fernsehsendungen sehen kann“, sagt Rieck. Er will sich für die Sitzung heute einen Zeitungsartikel mit den Bildern mitbringen lassen. „Wenn klar ist, dass es Attacken gab, werde ich heute ein Verfahren beantragen“, sagt Rieck. Ogungbure wird heute nicht gehört. Aber er ist „enttäuscht, dass die Attacken noch nicht bestraft wurden“.

Schlagen die Hools beim nächsten Leipzig-Spiel wieder zu? Ogungbure sagt: „Ich

fürchte mich vor weiteren Pöbeleien.“ Klar ist: Rassistische Angriffe werden nun hart bestraft, mit Punktabzug oder sogar Zwangsabstieg. Von der Bundes- bis zur Regionalliga galt das schon, aber rückwirkend zum 1. April hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Strafenkatalog auch für niederklassigere Ligen verschärft. Am 5. April ging das Schreiben an die Landesverbände. Die modifizieren jetzt ihre Satzung. Bei vielen Vereinen liegt die Weisung aber noch nicht vor. Der NOFV freilich muss nicht viel überarbeiten. Harte Strafen waren schon für fremdenfeindliche Aktionen vorgesehen.

Michael Schädlich sagt, er „begrüßt diese Verschärfung. Ohne Sanktionen kann man diese Ziele nicht erreichen.“ Schädlich ist der Präsident des Halleschen FC, ein Volkswirtschaftler, ein nüchtern denkender Mann, der sagt: „Das bisherige Strafmaß hat offenbar nicht ausgereicht.“ Schädlich stellt die generelle Frage nach der Sicherheit. Rassismus ist ja nur der hässlichste Teil der Randale. In Halle haben sie gerade beschlossen, die Gesamtzahl der Ordner von 80 auf 90 zu erhöhen. „50 000 Euro kostet die Sicherheit pro Saison“, sagt Schädlich. Er will „die Masse aufwecken, diese 95 Prozent, die friedlich sind“. Die sollen aktiv gegen Randalierer und rassistische Fans auftreten. Schädlich sagt: „Wenn wir die Masse nicht wecken können, haben wir die Strafe verdient.“

Thomas Siebert ist der Sicherheitsbeauftragte von Halle und nicht so pragmatisch, er hat Angst. Beim Spiel Magdeburg – Halle haben Fans beider Teams Zäune überklettert, es kam zur Massenschlägerei. Am 28. Mai ist das Rückspiel in Halle. „Daran darf ich überhaupt nicht denken“, sagt Siebert. Es wird eine Sicherheitskonferenz geben vorher, es werden mehr Ordner als sonst eingesetzt, anders gesagt: Es wird sein wie immer.

Viele Vereine gehen schon an die Grenzen des Machbaren, jedenfalls sagen sie das. „Wir haben bei jedem Heimspiel einen offenen Brief der Fans gegen Rassismus im Stadionheft, und wir arbeiten mit Hausverboten“, sagt Rainer Lüdtke, der Fanbeauftragte des BFC Dynamo. „Für unsere Arbeit ändert sich durch die neue Richtlinie nichts.“ Denn ein Problem bleibt: „Wir kommen an bestimmte Fans nicht heran, weil die nur einmal kommen.“ Er hatte vor kurzem 15 Fans aus Niedersachsen Hausverbot erteilt, „aber die haben nur gelacht. Die sagten: Morgen sind wir in Aue.“ Nur Fans, die regelmäßig auftauchen, kann er erreichen. Denen bietet er Arbeiten zur Vorbereitung eines Heimspiels an. „Die sollen sehen, welche Arbeit daran hängt.“ Drei Fans hat er so erreicht. „Die kommen jetzt mit Frau und Kindern und sind ruhig.“

Bernd Hofmann, der Manager des 1. FC Magdeburg, setzt darauf, dass viele Fans nicht mehr schweigend der Randale zusehen. Das Spiel gegen Halle wäre nach dem Flaschenwurf eines Magdeburgers fast abgebrochen worden. „Das hat die Leute geschockt“, sagt Hofmann. „Die betrachten ein Spiel jetzt anders.“ Aber er fragt auch: Wo endet die Verantwortung des Heimvereins? „Am Stadiontor“, sagt Bernd Stumpf, der Sicherheitsbeauftragte für den Süden im NOFV-Bereich. „Im Stadion ist er erst einmal für alles verantwortlich.“ Die Frage ist dann nur, ob die Hauptschuld für Vorfälle beim Gastverein liegt. Stumpf notiert als Spielbeobachter stets detailgetreu, wo welche Aktionen stattfanden. Die Strafen verhängt dann das Sportgericht.

Am Samstag spielt Sachsen Leipzig zu Hause gegen Energie Cottbus II. Adebowale Ogungbure sagt, er wisse noch nicht, ob er in der Lage sei, zu spielen.

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