Hoffenheim : Dietmar Hopps Regelwerk

Den Star verkauft, den Trainer vergrault. Dietmar Hopp, Mäzen der TSG Hoffenheim, tätigte ein Geschäft. Allein. Und manche sagen: Das durfte er gar nicht. Denn es gibt eine Vorschrift. Die soll trennen, was doch längst zusammen gehört. Das große Geld und der große Sport.

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Und jetzt alle zusammen. Mit seinen Spielern bejubelt Mäzen Hopp 2008 den Aufstieg in die erste Bundesliga – in seinem Stadion.
Und jetzt alle zusammen. Mit seinen Spielern bejubelt Mäzen Hopp 2008 den Aufstieg in die erste Bundesliga – in seinem Stadion.Foto: Thomas Lohnes/ddp

Den Nachruf durfte er selbst halten. „Es hat ideal gepasst, wie der Deckel auf den Topf“, sagte Ralf Rangnick, eine „Edelsymbiose“ sei es gewesen, eine „perfekte Konstellation“. Rechts und links neben ihm saßen die Vereinsverantwortlichen der TSG Hoffenheim und machten dazu betretene Gesichter. Es war der vergangene Sonntag im Vereinsgebäude in Zuzenhausen, sie hatten sich gerade getrennt, Rangnick und die TSG Hoffenheim, nach zwei Aufstiegen und viereinhalb Jahren, was im Profifußball schon eine halbe Ewigkeit ist. Und weil ihre Verbindung so besonders war, musste schon mehr hinter dieser Trennung stecken als ein Zwist. Etwas Existenzielles, ein Konflikt zwischen Gut und Böse.

Der vermeintlich Böse allerdings fehlte an diesem Tag, Dietmar Hopp, Milliardär, Mitbegründer des Software-Unternehmens SAP. Derjenige, der den Hoffenheimer Fußballaufstieg erst ermöglichte. 170 Millionen Euro hat der 70-Jährige bislang in den Klub gesteckt. Aber nun tat er genau das Gegenteil dessen, wozu die Winterpause eigentlich gedacht ist in der Fußballbundesliga, in der trainiert und transferiert wird für die Rückrunde – Hopp schwächte die eigene Mannschaft.

Hinter dem Rücken des Trainers verkaufte er den besten Spieler, den Brasilianer Luiz Gustavo, an den FC Bayern München. Der Trainer war beleidigt und verließ den Verein daraufhin ebenfalls. Das große Geld, Hopp und der FC Bayern, hatten sich verbündet gegen die sportlichen Ambitionen eines gescheiten Fußballtrainers. So sah es aus. Ein neuer Beleg dafür, wie das Kapital die Fußballkultur zerstört?

Es gibt doch extra eine Regel, die den Fußball schützen soll vor dem Einfluss der Investoren. Sie steht in der Satzung des Ligaverbands, Paragraf 8, die sogenannte 50+1-Regel. Sie soll verhindern, dass Profiklubs von Investoren gelenkt werden. Ein Bundesligaverein muss stets die Mehrheit seiner Anteile halten. Hopp besitzt 49 Prozent.

Diese Regel soll die Bundesliga bewahren vor Entwicklungen wie in England, wo russische Ölmoguln, arabische Scheichs und amerikanische Unternehmer Klubs wie Spielzeuge an sich gerissen haben und mit ihnen nicht immer pfleglich umgehen.

Für Hopp gibt es kaum eine größere Beleidigung, als mit solchen Investoren verglichen zu werden.

Um den Fall Gustavo zu verstehen, muss man Dietmar Hopp verstehen und die Welt, in der er lebt. Diese Welt hat viele Orte. Der große Konferenzraum im Golfclub St. Leon-Rot gleich links nach dem Hauptportal ist einer davon, und er ist legendär. Hinten links in der Ecke steht ein Computer. Daneben ein Drucker. Es ist das „Büro“ von Dietmar Hopp. Eines von vielen, die alle ähnlich spartanisch aussehen. Keines seiner Büros ist zu einer protzigen Kommandozentrale ausgebaut. Trotzdem zeigen sie beispielhaft seine Welt, überschaubar und pragmatisch. Den Knopf seines Computers drückt nur er allein.

Manche sagen, er dulde keinen Widerspruch. Wenn er sage, die Wand sei blau, dann sei das so. Auch, wenn sie eigentlich rot ist.

Der Platz in St. Leon gehört zu den besten in Europa. Tiger Woods war dreimal als Stargast hier. Dietmar Hopp kommt mit dem Auto aus Walldorf. Dort steht sein Wohnhaus. Er kennt Wege und Straßen. Hopp ist hier geboren und aufgewachsen. Die meisten seiner Treffen, ob mit Abgesandten seiner Unternehmensbeteiligungen oder Reportern, finden hier statt. In Südfrankreich, wo er auch lebt, ist er lieber allein. Nur besondere Gäste empfängt er dort. Franz Beckenbauer etwa. Auf einem Golfplatz, den Hopp selbst bauen ließ. Sein 1000 Quadratmeter großes Haus steht dort am Abschlag zu Loch eins. „Dann kann ich gleich los“, hat er gesagt.

Vieles klingt entwaffnend praktisch, wenn Dietmar Hopp baut und erzählt. Stellt man sich so einen Milliardär vor, der als Förderer und Gönner seine Heimat geradezu freizügig an seinem Reichtum teilhaben lässt, Sportklubs kauft?

Hopp ist kein kühler Kopf. Seine Engagements, geschäftlich wie privat, haben oft persönliche Gründe. Und mancher Dienst hat ihn viel Geld gekostet oder Ärger eingebracht. Werner Kindermann, einem Golffreund, kaufte er in den 90er Jahren die Brauereigruppe Henninger ab und verlor Millionen. Er hat wieder verkauft. Bernhard Termühlen, früher Chef des Finanzdienstleisters MLP, half er ohne Zögern mit einer persönlichen Bürgschaft. Als die Staatsanwaltschaft später wegen Bilanzfälschung gegen MLP ermittelte, reagierte Hopp tief verärgert und attackierte die Behörden.

Hopp hat viele Freunde, er hilft gern, auch dem 23-jährigen Luiz Gustavo, als der ihn um die Freigabe bat. Gustavo will bei den Bayern international spielen und sich für die brasilianische Nationalmannschaft empfehlen. So lautet eine Erklärung Hopps für den Wechsel. Außerdem bringe der Transfer dem Verein viel Geld.

In seiner Heimat, der Rhein-Neckar-Region, verteilt Hopp Millionen an Stiftungen, Krankenhäuser, an Jugendförderung, Bio-Tech-Firmen – und eben an Sportklubs. An die Adler Mannheim im Eishockey etwa oder die Rhein-Neckar-Löwen im Handball.

Er macht keinen Hehl daraus, ein Freund der Bayern in München zu sein. Seine Verbindungen zu Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sind bestens. Die 1600-Quadratmeter-Praxis des Bayern-Mannschaftsarztes Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt im Zentrum der Landeshauptstadt hat er als Investor mit Millionen bezuschusst. Es sei auch der Wunsch des FC Bayern gewesen, explizit des Vorstandschefs Karl-Heinz Rummenigge, mit ihm über den Transfer von Luiz Gustavo zu sprechen, sagt Hopp.

Er spricht langsam. Seine Stimme klingt tief. Der für die Region typische kurpfälzische Singsang ist eines seiner Markenzeichen. In diesen Momenten haftet ihm nichts Herrisches an. Im Gegenteil. Er hat für viele ein offenes Ohr. Als ein japanisches Fußballmagazin Fragen hat, setzt er sich in Florida an den Computer und beantwortet sie noch schnell, bevor er zur Golfverabredung eilt. Von den USA aus lenkt er im Winter den Fußballklub TSG 1899 Hoffenheim und alles andere.

In Florida hält er sich auch in diesen Tagen auf, während in Deutschland diskutiert wird, ob er den Wechsel von Luiz Gustavo überhaupt selbst hätte einfädeln dürfen, wo den Investoren doch Zurückhaltung auferlegt ist. Die Debatte berührt seinen Gerechtigkeitssinn, er teilt mit, dass er den Wirbel um den Transfer nicht recht verstehen könne. Gustavo habe menschlich anständig um den Wechsel gebeten. „Dass ich an den Verhandlungen teilgenommen habe, regt einige wohl auf. Aber alles ist abgesichert und geregelt.“

Offiziell hat Hopp kein Amt. Weit über 90 Prozent des Kapitals der TSG Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH aber stammen von ihm. Offiziell ist er Gesellschafter und Chef des Beirates, der seit einem Jahr den Klub kontrolliert. Hopp hat gerne alles unter Kontrolle. Dass ihm die Übersicht in Hoffenheim entglitt, hat ihn geärgert. Er hat sie sich zurückgeholt und zuerst im vergangenen Sommer Manager Jan Schindelmeiser vor die Tür gesetzt, nun die Trennung von Trainer Ralf Rangnick beschlossen.

Die Bundesliga debattiert, aber keineswegs gegen Hopp. Unterstützung erhält Hopp etwa aus Frankfurt am Main, von Heribert Bruchhagen. Der 62 Jahre alte ehemalige Sport- und Erdkundelehrer zählt zu den bedächtigeren Figuren der Bundesliga, er war schon Manager bei Schalke und in Bielefeld, inzwischen trägt er bei Eintracht Frankfurt die Verantwortung. „Dietmar Hopp ist über jeden Zweifel erhaben“, sagt Bruchhagen. Er sehe einen gewaltigen Unterschied zwischen Roman Abramowitsch, dem Russen, der den FC Chelsea gekauft hat, und Dietmar Hopp. „Hopp gibt sein Geld für die Region aus.“

Das Gleiche mache auch VW-Chef Martin Winterkorn, wenn er den VfL Wolfsburg finanziere und Bayer-Chef Marijn Dekkers, wenn er die Fußballprofis aus Leverkusen bezahle. „Überall entscheidet ganz am Ende ein Mann, in Frankfurt bin ich es, in München ist es Uli Hoeneß, in Wolfsburg ist es Martin Winterkorn und in Hoffenheim eben Dietmar Hopp.“

Wie viel ist sie dann wert, diese 50+1-Regel? Und braucht die Bundesliga sie überhaupt noch? Der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, fordert schon lange die Abschaffung, und auch Hopp sagt: „50+1 wird irgendwann fallen.“ Was dann passiert, darüber wird viel spekuliert. Ausländische Unternehmen, die Bundesligaklubs übernehmen? Der nächste Fall: RB Leipzig. Dahinter steckt das österreichische Brauseunternehmen Red Bull. Ist das auch ein Engagement für die Region, für den kränkelnden Leipziger Fußball? Kann eine Regel überhaupt unterscheiden zwischen guten und schlechten Motiven?

Es gibt viele Argumente für und gegen die Regel. Die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga mit den großen Ligen wie der Premier League in England ist eines dagegen, die Liebe zum deutschen Vereinswesen mit Präsidium und Mitgliedern eines dafür. Es ist, als stünden sich Tradition und Moderne unversöhnlich gegenüber.

Dietmar Hopp erschien in Deutschland als Erster einer neuen Kaste, die den Fußball aufkauft, irgendwo in der Provinz rasant nach oben zieht und damit die Spielplätze angreift, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Fankreise, die sich gerne Feindbilder suchen, halten Hopp für einen Fußball-Frankenstein, der sich sein Kunstprodukt geschaffen hat. Dass sich der Verein ganz offensiv 1899 Hoffenheim nennt, um eine Tradition vorzuweisen, bringt die Fans umso mehr auf. Genauso wie Hopps gute Verbindung zum Deutschen Fußball-Bund.

Auch vom jetzigen Fall wird etwas zurückbleiben: der Anschein, den Trainer zu Fall gebracht zu haben, der den Verein nach oben geführt hatte. Ihn hintergangen zu haben. Mit der offiziellen Klubführung hatte Rangnick schließlich ausgemacht, dass Gustavo bis zum Sommer bei ihnen bleibe. Doch traf sich Hopp mit den Münchnern – ohne dass Rangnick davon wusste.

Auf der Pressekonferenz nach der Trennung konnte sich Rangnick als moralischer Sieger darstellen, Hoffenheim ließ ihn dabei hilflos gewähren. Die wirkliche Geschichte ist aber auch komplizierter. Sie handelt davon, dass Sport und Wirtschaft inzwischen zusammengehören, aber unterschiedlich funktionieren.

Rangnick wollte in Hoffenheim endlich die ganz großen Erfolge feiern. Er wollte weiter nach oben, in europäische Wettbewerbe. Trainer brauchen Ziele, für sich und ihre Mannschaft. Denn aus Zielen, so hoch sie auch gesteckt sein mögen, wächst die Motivation, jeden Tag hart zu arbeiten, sich zu quälen für den Erfolg.

Hopp wollte dagegen eine natürliche Grenze einziehen. Hoffenheim muss nicht um die Meisterschaft spielen. „Solche Träume sind nicht realisierbar, da muss man realistisch bleiben. Wie soll das gehen?“ Hoffenheim soll ein Ausbildungsverein werden. Das ist die Rolle, die Hopp dem Klub zugedacht hat. Eine klare Positionierung am Markt, den Möglichkeiten des Unternehmens angemessen. Mehr als 30 000 Zuschauer passen schließlich nicht hinein in die Rhein-Neckar-Arena, die Hopp an der A 6 in Sinsheim errichten ließ. Irgendwann soll der Verein auch mal ohne ihn klarkommen, so hat es Hopp gesagt. Der Wechsel von Gustavo ist ein Schritt dahin, 15 Millionen Euro brachte er dem Klub ein. „Als das Geld ausgegeben wurde, wurde geschrien. Jetzt nehmen wir Geld ein – und die gleichen schreien wieder“, empört sich Hopp.

Dass Hopp auch innerhalb des Vereins Unzufriedenheit heraufbeschwört, hatte er wohl so nicht einkalkuliert. Die Unzufriedenheit des Trainers und die von Spielern. Kaum hatte er Gustavo die Freigabe zum Wechsel gegeben, wollte der Senegalese Demba Ba ebenfalls weg. Zu einem Klub, in dem er noch mehr Geld verdient.

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