Hoffenheim : Stehen lernen mit Hertha

Hertha hat seinem Gegner Hoffenheim eines voraus: Rückschläge bringen den Klub nicht aus der Balance.

Sven Goldmann[Hoffenheim]
271671_0_67402226.jpg
Alte Attacke. Hoffenheims Andreas Beck greift im Hinspiel Herthas Andrej Woronin an, der heute wegen einer Rotsperre fehlt. -Foto: ddp

Bernhard Peters’ Arbeitstag beginnt morgens um acht. Lange bevor das Training der TSG 1899 Hoffenheim beginnt, fährt der Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung seinen Computer hoch und studiert das Filmmaterial der jüngsten Bundesligaspiele. Er fahndet nach Schwächen im System und bastelt auf dem Bildschirm Übungen, um Abhilfe zu schaffen. Weil Bernhard Peters furchtbar viele Videodateien auf seiner Festplatte hat, kann es schon mal ein bisschen dauern, bis er die richtige Sequenz gefunden hat. Eigentlich müsste er dem Trainer Ralf Rangnick immer nur dieses eine Spiel aus dem vergangenen Herbst zeigen. Zwölfter Spieltag, 0:1 bei Hertha BSC, „unser schlechtestes Hinrundenspiel“, sagt Peters, was negativer klingt, als es gemeint ist, denn in der Hinrunde hat Hoffenheim so viele gute Spiele hingelegt, dass dieses eine schon negativ auffiel.

Vor diesem Tiefpunkt im Herbst stand Hoffenheim als Tabellenführer sieben Punkte vor dem Siebten Hertha BSC. Zum Wiedersehen heute am 29. Spieltag haben sich die Gewichte verschoben. Hoffenheim ist abgestürzt auf Platz acht, die Konkurrenz lästert über den schlechtesten Herbstmeister aller Zeiten, nach zehn Punkten aus elf Spielen. Hertha hat das Niveau nicht nur gehalten, sondern verbessert. Als Vierter stehen die Berliner sieben Punkte vor Hoffenheim, und das trotz schlechterer Substanz im Team, der Unruhe in der Klubführung und des Drucks vom ungeduldigen Boulevard.

Warum nur?

Da sind die Hoffenheimer Verletzungen, allen voran die von Torjäger Vedad Ibisevic, der in 17 Hinrundenspielen 18-mal traf. Der Hype um die Helden aus dem Dorf mag einigen zu Kopf gestiegen sein, und den Bonus des Außenseiters genießt Hoffenheim auch nicht mehr. Alles Nebengeräusche, die eine ausbalancierte Mannschaft wegsteckt. Aber ausbalanciert war das Projekt Hoffenheim längst noch nicht, konnte es gar nicht sein bei dem kurzen Vorlauf. Auch in der Phase des ungestümen Drangs konnte, wer wollte, beobachten, wo die Grenzen der neuen Macht im deutschen Fußball noch liegen. Und am deutlichsten zu sehen war es am zwölften Spieltag in Berlin.

Es war eines von nur vier Spielen in der Hinrunde, in dem Vedad Ibisevic kein Tor glückte, und das einzige, in dem er nicht einmal eine Torchance hatte. Die Berliner Innenverteidigung hatte den Bosnier so wirksam beschattet, dass Trainer Rangnick ihn 22 Minuten vor Schluss vom Platz nahm. In Berlin konnte Hoffenheim schon mal üben, wie es sich anfühlt, ohne den treffsichersten Stürmer zu spielen.

Es fühlt sich nicht gut an, so viel lässt sich nach nur einem Sieg (gegen Cottbus) in elf Rückrundenspielen sagen. Und doch wäre es zu billig, den Hoffenheimer Absturz allein auf den Kreuzbandriss des Vedad Ibisevic zu schieben. Ja, es gab noch weitere Hoffenheimer Ausfälle, aber auch Hertha ist in dieser Saison nicht frei von Verletzungspech geblieben. Gojko Kacar, der überragende Mann der Hinrunde, stand erst im elften Rückrundenspiel wieder in der Startelf. Dazu beschädigte der zeitweilige Verlust von Marko Pantelic, Pal Dardai und Arne Friedrich die Berliner Substanz schwer. Nationalspieler Friedrich wird nach seiner Knieoperation heute fehlen, Dardai und Woronin fehlen gesperrt. Und doch spricht wenig dagegen, dass Hertha auch mit Amine Chermiti, Leandro Cufré oder Lukasz Piszczek wieder spielen wird wie im Herbst. Nicht schön, aber effizient, Rückschläge bringen das System nicht aus der Balance.

Hertha beherrscht die Kunst, dem Gegner den Spaß an der Schönheit am Fußball zu nehmen. So wie bei jenem Spiel gegen die Hoffenheimer, die damals das ganze Land verzaubert hatten mit ihrem Angriffsfußball. Hoffenheims Qualität in der Hinrunde war, mal abgesehen vom Überraschungseffekt, die Ästhetik. Alle Schönheit aber hat sich mit den Misserfolgen verflüchtigt. Hoffenheim spielt in der Rückrunde wie am zwölften Spieltag in Berlin. Wer die Hoffenheimer Mannschaft beim 2:2 in Karlsruhe gesehen hat, der wird schwer Ähnlichkeiten entdeckt haben zu dem Angriffsfuror, mit dem sie als Aufsteiger in der ersten Saisonhälfte die Bundesliga im Sturm genommen hatte.

Lucien Favre, der immer charmante und nie unhöfliche Berliner Trainer, beharrt zwar darauf, dass „Hoffenheim immer noch eine sehr gute Mannschaft ist, stark am Mann, gutes Pressing, sie sind sehr schnell vorn“. Warum stimmen dann die Ergebnisse nicht? Favre überlegt einen Augenblick, nun ja, „sie hatten Pech ... auch mit Roten Karten“. In der Fairplay-Tabelle steht Hoffenheim mit 60 Gelben, zwei Gelb-Roten und drei Roten Karten auf dem vorletzten Platz. Vier der fünf Platzverweise und die Hälfte der Gelben Karten datieren aus den elf Spielen des Jahres 2009. Alles nur Zufall oder eine Reaktion des Unterbewusstseins auf einen Verlust an Bedeutung und einen Mangel an Erfolg? Wahrscheinlich ist Hoffenheims größtes Problem, dass es in der Hinrunde so gut wie gar kein Problem gab. Abgesehen von jenem Herbstspiel in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben