Hoffenheim : Unsicherheiten eines Übereifrigen

Nach dem Spiel in Bremen steht Torwart Özcan beim Aufsteiger Hoffenheim in der Kritik.

Frank Hellmann[Bremen]

Ein Kommentar? Ramazan Özcan quittierte die Bitte mit Kopfschütteln. Man musste das am späten Sonnabend in den Katakomben des Bremer Weserstadions verstehen: Der Sohn türkischer Einwanderer aus dem österreichischen Hohenems hatte gerade einen Tiefpunkt seiner Karriere erlebt. Denn es gab nicht wenige, die den eigentlich nicht ganz gerechten Ausgang eines unglaublich spektakulären Bundesligaspiels zwischen Werder Bremen und der TSG Hoffenheim (5:4) auf eine simple These reduzierten: Mit einem erstklassig auftretenden Torwart hätte der in der Vorwärtsbewegung erstklassig auftrumpfende Aufsteiger aus dem Kraichgau diese sehr unterhaltsame Auseinandersetzung nicht verloren.

Denn es gab im Grunde bei den formidablen Gästen nicht viele Spieler, die wirklich abfielen: Der Ballfänger aus Vorarlberg, Nummer drei der österreichischen Nationalmannschaft, gehörte fraglos dazu. Ähnlich wie beim 2:5 bei Bayer Leverkusen wirkte der Torwart überfordert mit dem Tempo, in dem Schüsse und Flanken in seinen Arbeitsbereich flogen. Schon während der EM war Özcan den Beobachtern bei einigen Trainingseinheit aufgefallen: Während seine Keeperkollegen Jürgen Macho und Alex Manniger die immer gleich stramm geschossenen Bälle von Torwarttrainer Klaus Lindenberger parierten, bekam der 24-Jährige nicht die Finger dran. Seine Reaktion? Handschuhe wegwerfen, Tor verlassen.

Er kam von Red Bull Salzburg

Auch in Hoffenheim verstärkt sich der Eindruck, dass der im Januar von Red Bull Salzburg verpflichtete Profi nur ein auffällig unauffälliger Durchschnittstorwart ist. Rangnick widersprach solchen Unterstellungen mit Vehemenz. „Er hat jetzt 26 Pflichtspiele für uns gemacht, davon haben wir 17 gewonnen und 14 zu null gespielt. Ramazan steht hier nicht zur Diskussion.“

Das stimmt so nicht, war es doch bekanntlich der Cheftrainer, der zwei Tage zuvor im Trainingszentrum Sinsheim-Hoffenheim die Debatte mit markigen Beiträgen bei der Pressekonferenz befeuert hatte. Die wichtigsten Rangnick-Auszüge: „Wenn weiche Bälle drei bis fünf Meter vors Tor kommen, dürfen unsere Torhüter auch mal rausballern.“ Oder: „Sie müssen bei Flanken hin und wieder rauskommen.“ Und: „Ein Torwart darf auch mal die Hände nehmen – wir sind dankbar, wenn er das tut.“ Konstruktive Kritik nannte das der Taktiker, schonungslose Abrechnung, urteilten Außenstehende.

Muss der Psychologe eingreifen?

Fakt ist, dass Özcan, Spitzname „Rambo“, nun übermotiviert und übereifrig, unentschlossen und unsicher agierte. Erst sein Irrlichtern hatte die Szenen eingeleitet, nach denen Diego und Aaron Hunt ihre Traumtore zum 3:1 und 4:1 erzielten. Und waren die Volltreffer von Mesut Özil zum 1:0 und 5:4 wirklich nicht zu halten? „Ich habe nicht viele haltbare Tore gesehen“, sagte Rangnick, doch das darf als Ablenkungsmanöver gelten. Wenn es auch dem schwäbischen Strategen um langfristige Weiterentwicklung geht, so steht sein 1,86-Meter-Protegé zwischen den Pfosten jetzt auf dem Prüfstand. „Er weiß, dass er sich noch verbessern kann und muss“, sagt Manager Jan Schindelmeiser, „dafür bekommt er maximale Unterstützung.“

Auch Schindelmeiser weiß, dass auf der Torwartposition vieles mit Selbstvertrauen zusammenhängt. Man wird sehen, wie Özcan dieses Selbstbewusstsein zurückerlangt. Notfalls gibt es in Hoffenheim dafür ja den Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann, der sich zur Keeper-Causa nicht äußern wollte.

Man muss sich jedoch nur fragen: Was passiert, wenn auch der als unbehelligter Augenzeuge im Weserstadion weilende Mäzen Dietmar Hopp mal zum Entschluss kommt, dass sein Millionenprojekt noch eines renommierten Schlussmannes und eines routinierten Abwehrrecken bedarf? Dann nämlich scheint dieser Neuling frühreif für die Symbiose aus Spektakel und Erfolg, sogar in Bremen oder Leverkusen.

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