Hoffenheim : Zu klein für die Großen

Hoffenheim setzte vor der Saison auf einen überschaubaren Kader. Das könnte der Mannschaft von Ralf Rangnick nun den Erfolg kosten.

Oliver Trust[Sinsheim]
265090_0_7f48f5e7.jpg
Zum Verzweifeln. Marvin Compper (rechts) und Hoffenheim müssen auf immer mehr Spieler verzichten. Foto: dpa

Obwohl das System Hoffenheim für ausgeklügelte Nachwuchsförderung steht, stößt der Klub nun auf schmerzvolle Weise an seine Grenzen. Bewusst hatte man in der Fußball-Bundesliga auf einen kleinen Kader gesetzt, auch, um sich intensiver um den Nachwuchs kümmern zu können. Eine Strategie, die einen Platz in einem internationalen Wettbewerb kosten könnte. Beim 2:2 gegen Hannover zog sich Matthias Jaissle einen Kreuzbandriss zu und Andreas Ibertsberger erlitt einen Innenbandriss. Luiz Gustavo muss zudem mit einer Sperre durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) rechnen. Er hatte Gegenspieler Arnold Bruggink den rechten Ellenbogen auf die Brust gerammt. Es wird ermittelt.

Ein ganzes Heer von Trainern kümmert sich intensiv um den Nachwuchs von 1899. Der ehemalige Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters erfindet neue Trainingsformen: Mal lässt man auf einem schmalen Rasen-Streifen trainieren, um das Spiel nach vorne anzukurbeln, mal bekommen die Kicker Tennisbälle in die Hand, um den Gegner mit intelligenten Mitteln zu bekämpfen und nicht durch plumpes Ziehen am Trikot. Außerdem werden Nachwuchsfußballer in der Schule besucht und von einem Hoffenheimer Trainer im Fach Fußball unterwiesen.

Marco Terrazzino, 17 Jahre alt, ist ein Produkt dieser besonderen Schule. Als er gegen Hannover 96 in der 17. Minute eingewechselt wurde, bewiesen die Hoffenheimer Macher um Cheftrainer Ralf Rangnick erneut viel Mut. Dennoch war nicht zu übersehen, dass Terrazzino noch ein ganzes Stück zum gestandenen Bundesligaspieler fehlt. Man müsse zur Not weitere Anleihen bei der U23 machen, sagte Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser. Die U23 kämpft jedoch um den Aufstieg in die Regionalliga.

Die Nachrichten aus Hoffenheim klangen vor diesem Hintergrund relativ nüchtern und doch schwang ein bisschen Panik mit. Die „schlimmsten Befürchtungen“ hätten sich bewahrheitet, hieß es. Jaissle wird monatelang ausfallen. Auch nach dem siebten Spiel ohne Sieg war die Ratlosigkeit in den Gängen der Rhein-Neckar-Arena nicht zu übersehen. Schindelmeiser wollte darüber nachdenken, die Fahne des Roten Kreuzes aufs Dach zu hängen und zählte die Liste der Verletzten rauf und runter. „Das kann keine Mannschaft der Welt verkraften“, sagte Trainer Ralf Rangnick und sprach sogar davon, dass nun endgültig alle Mannschaftsteile von der „Seuche“ befallen seien.

Nach Disziplinarvergehen und Dopingdiskussionen muss sich der Aufsteiger auch mit der Frage herumschlagen, ob die Strategie des kleinen Kaders – man ging mit 25 Profis in die erste Bundesligasaison – überdacht werden muss, weil sie sich nun zu einer Personalkrise auswächst. „Den Kader größer zu gestalten, widerspricht unserer Philosophie, sich um jeden Einzelnen intensiv zu kümmern“, sagte Schindelmeiser. „Ein großer Kader birgt auch Gefahren.“ Die Gefahren eines zu kleinen Kaders lernen sie bei 1899 indes momentan auch kennen. Bei Chinedu Obasi, Demba Ba und Sejad Salihovic besteht immerhin Hoffnung, dass sie in 14 Tagen gegen den HSV wieder dabei sein können. Vedad Ibisevic (Kreuzbandriss) wird weiter fehlen.

In der Tabelle ist der VfB Stuttgart nun schon bis auf zwei Punkte herangerückt. Für den Sieg der Schwaben über Tabellenführer Hertha BSC gab es immerhin warmen Beifall. Anders als die Anhänger wissen Schindelmeiser und Rangnick: Die Träume aus der Vorrunde, als es um Champions League und Meisterchancen ging, waren eben nicht mehr als Träume. Fortan geht es vielmehr um die Qualifikation für den Uefa-Cup.

Die dominierende Mannschaft der Hinrunde zahlt jetzt in vielerlei Hinsicht für den anfänglichen Höhenflug, als viele Spieler über ihre physischen Grenzen hinausgingen. Seit Monaten kämpft man mit Disziplinarvergehen, weil manch junger Spieler den Erfolg schwer zu verkraften scheint: Tobias Weis musste 5000 Euro zahlen, weil er die Trainingsgestaltung kritisierte, nun verlängert Gustavo die Liste der Ausreißer beim Aufsteiger. „Zuweilen sind die Handtaschen der Freundinnen wichtiger gewesen als Fußball“, sagte Ralf Rangnick.

0 Kommentare

Neuester Kommentar