Hoffnung hinter den Hügeln : Heidenheim will Union aus dem DFB-Pokal werfen

Binnen zehn Jahren ist es dem jetzigen Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim gelungen viermal aufzusteigen. Heute Abend will der Klub den 1. FC Union in der ersten Runde aus dem DFB-Pokal schmeißen. Ein Portrait.

Peter Köpf
Mit dem Trecker in die Zweite Liga: Die Spieler des 1. FC Heidenheim feiern den Aufstieg.
Mit dem Trecker in die Zweite Liga: Die Spieler des 1. FC Heidenheim feiern den Aufstieg.Foto: dpa

Natürlich kannte Arie Haan den Kennzeichen-Kalauer auch schon. Als Klaus Mayer ihn zum ersten Mal traf, fragte der ehemalige Trainer des VfB Stuttgart den Heidenheimer, woher er stamme. Kaum hatte Mayer es ausgesprochen, schon setzte Haan eine mitleidige Miene auf und sagte: „Oh weh, HDH, hinter den Hügeln.“

Inzwischen ist Mayer Präsident des 1. FC Heidenheim, der gegen den 1. FC Union aus Berlin heute in der ersten Runde des DFB-Pokals antritt (18.30 Uhr/Sky). Er gehört zu einer Gruppe von Idealisten, der es binnen zehn Jahren gelungen ist, Stadt und Landkreis mit Fußball zu infizieren. Viermal ist der Klub in dieser Zeit aufgestiegen, jetzt kicken die Helden Heidenheims erstmals in der Zweiten Liga. Die bekanntesten Söhne der Stadt sind heute nicht mehr „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel, Astronaut Gerhard Thiele oder der ehemalige IG-Metall-Boss Eugen Loderer. Sondern Fußballtrainer Frank Schmidt, der 200 Meter vom Stadion entfernt zur Welt kam, und Mittelfeldmotor Marc Schnatterer.

300 Sponsoren tragen inzwischen zum Etat von 13 Millionen Euro bei

Bis dieses Ziel erreicht war, bedurfte es eines langen Anlaufs. Nach mehr als zehnjährigem Siechtum in der Landesliga fand sich 1994 niemand, der die Fußballabteilung des Heidenheimer Sportbunds 1946 leiten wollte. Also fragte der damalige Trainer seinen Spieler Holger Sanwald: „Kannst du das nicht machen?“ Sanwald war erst 27, und er wollte noch selbst kicken. Doch der Trainer hielt dessen Qualitäten offenbar nicht für ausreichend für die damalige fünfte Liga, und sagte ihm: „Holger, du hilfst der Mannschaft mehr, wenn du das Umfeld organisierst.“ Und so fügte sich Sanwald: „Bevor es vollends den Bach runtergeht, mache ich das halt.“

Und wie er das machte. Mehr als 300 Sponsoren tragen inzwischen zum Etat von 13 Millionen Euro bei. Bürgermeister und Gemeinderat waren immer wieder bereit, das städtische Stadion auszubauen – sofern der Verein bereit war, selbst 40 Prozent der Kosten einzubringen. 25 Millionen Euro hat das bisher verschlungen, davon 15 Millionen Euro von der Stadt, deren Gemeinderat kürzlich weitere 2,5 Millionen Euro genehmigte, um die von der DFL verlangten 15 000 Zuschauerplätze zu schaffen.

In der Südtribüne klafft ein riesiges Loch, in dem Würstchen verkauft werden

Natürlich gab es Neider und den Widerstand anderer Vereine, die sich benachteiligt wähnten. Inzwischen aber hat sich entwickelt, was Mayer einen „Stolz der Region“ nennt. Der Verein suchte bewusst Spieler aus der Gegend. Eine intakte Mannschaft sei leichter zu formen, so Sanwald, „wenn man eine Sprache spricht. Und das ist halt Schwäbisch.“

Tradition gilt ebenfalls viel. Deshalb klafft in der Südtribüne ein riesiges Loch, ein paar hundert Sitzplätze blieben ungebaut. Weil dort schon immer eine Bude stand, an der auch in der Landesliga Würstchen verkauft wurden. Eine bewusste Entscheidung, sagt Holger Sanwald. „Der Kiosk erinnert uns daran, wo wir herkommen.“

Und noch etwas sei wichtig, ergänzt Klubchef Klaus Mayer. Heidenheim sei eine Arbeiterstadt. Arbeiter schätzten ehrliche Arbeit. Und sie verabscheuten jene, die meinten, etwas Besseres zu sein. „Deshalb wollen wir eine Mannschaft, die man anfassen kann, die volksnah ist und die Sprache der Menschen spricht.“ Anders als in den schlechten Zeiten, als die sportliche Leistung so schwach war wie die Überheblichkeit stark, sage man heute: „Wir brauchen hier jeden Einzelnen aus der Region.“

2011 warfen die Heidenheimer Werder Bremen aus dem Pokal

Als 2004 der Aufstieg in die Oberliga geschafft war, da setzte sich der Klub der Visionäre zusammen. Wir brauchen ein neues Ziel, befanden sie. Da, so Sanwald, hätten sie gesagt: Zweite Bundesliga. 2007 spaltete sich die Fußballabteilung vom alten Verein ab, ein Befreiungsschlag, weil nun die Fußballer selbst entscheiden konnten. Das Konzept aber blieb: kleine Schritte zielstrebig gehen, schwäbische Ruhe bewahren bei Rückschlägen. Das Modell SC Freiburg sei ihr Vorbild, sagt Mayer. „Wir müssen immer sparen. Aber es ist uns gelungen, mit einem Minimum an Geld ein Optimum zu generieren.“

Das Optimum führte den Verein aus der Stadt hinter den Hügeln in die Zweite Bundesliga. Im DFB-Pokal will heute der 1. FC Union die Heidenheimer Arena stürmen, die nicht hinter Hügeln, sondern auf dem Schlossberg steht. Sanwald freut sich auf den Besuch der Berliner, das Spiel sei ein „echtes Highlight“ und der 1. FC Union „einfach ein echter Kultklub“. Gewinnen aber wollen die Heidenheimer. So wie 2011. Damals warfen sie Werder Bremen in der ersten Pokalrunde aus dem Wettbewerb.

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