Sport : Hoher Einsatz in Karlsruhe

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über das staatliche Wettmonopol – mit Folgen für den Sport

Robert Ide[Jost Müller-Neuhof],Friedhard

Berlin - Wer mit dem Sport sein Spielchen treibt, muss unter Umständen teuer dafür zahlen. Während in Berlin der Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer auf sein Urteil wartet, weil er mit Sportwetten trickste, steht in Karlsruhe ein Urteil an, das den Sport insgesamt einiges kosten könnte: Heute findet vor dem Bundesverfassungsgericht eine mündliche Verhandlung über das staatliche Wettmonopol statt. Fällt es, fürchtet etwa Sportbund-Präsident Manfred von Richthofen, wäre dies „verheerend“ für den organisierten Sport in Deutschland.

Es geht um ein Milliardengeschäft. In Deutschland betrug der Wettumsatz 2004 drei Milliarden Euro. Die staatlich organisierte „Oddset“-Sportwette spülte allein vergangenes Jahr 481 Millionen Euro in die Kassen der Länder und von dort auch in die der Landessportbünde. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) und die Stiftung Deutsche Sporthilfe profitieren ebenfalls von der Wettleidenschaft der Deutschen. Das Spiel mit dem Sport lockt an fast jeder Ecke, 27 000 Lotterie- und Oddset-Filialen gibt es, und auch wenn teilweise satte Gewinne ausgezahlt werden, so ist es doch wie im Kasino: Am Ende gewinnt immer die Bank.

Das gute Geschäft, das der Staat bislang damit machte, wollen jetzt auch Private machen. Sie machen es ja schon, teilweise. Ausländische Büros bieten massenhaft Internet-Wetten an, es gibt Sportwett-Automaten, und in den neuen Ländern agieren sogar Unternehmen, die sich aus der DDR stammende Lizenzen überschreiben ließen. Vier solcher Lizenzen aus der DDR gibt es, Betandwin, Sportwetten Gera, Interwetten und Digibet. Das Monopol ist also längst weich geworden – ein Grund, es endgültig abzuschaffen, findet die in Karlsruhe klagende Buchmacherin. Sie hatte bereits 1997 bei der Stadt München eine Genehmigung beantragt, um Sportwetten anbieten zu dürfen.

Nicht nur ihr ist die legislative Handhabe des Glücksspiels unverständlich. So sind die Oddset-Wetten (siehe Kasten) in staatlicher Hand, während Pferdewetten aus gesetzlicher Tradition von Buchmachern angeboten werden dürfen. Ähnlich widersprüchlich ist die Regel, dass nur der Staat Kasinos betreiben darf, während jeder Kneipenwirt nach ein bisschen Papierkram einen Geldspiel-Automaten aufstellen kann. „Es ist überall in Europa üblich, dass Buchmacher Sportwetten veranstalten – warum nicht auch in Deutschland?“, sagt Bernd Hobinger von der Berliner Wettagentur Goldesel. Auch Hobinger hat zu Wendezeiten eine ostdeutsche Lizenz als Buchmacher erworben.

Oddset besteht trotz der Widersprüche auf sein staatliches Wettmonopol. „Es gibt gute Gründe dafür, dass allein der Staat Sportwetten veranstaltet“, sagt Erwin Horak, der als Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern für Oddset zuständig ist. „Der wichtigste Grund ist: Sportwetten bergen ein erhebliches Suchtpotenzial in sich, das nur der Staat eng begrenzen und stark kontrollieren kann.“ Der Sport dagegen fürchtet vor allem um seine Einnahmen, denn die privaten Anbieter sind bislang nicht verpflichtet, von ihren Gewinnen gemeinnützige Abgaben zu leisten. In seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht beharrt der Deutsche Sportbund (DSB) auf dem staatlichen Monopol. Norbert Skowronek, der Direktor des Landessportbunds Berlin, wird das Verfahren für den DSB beobachten. Er sagt: „Ich glaube nicht, dass das Bundesverfassungsgericht die Tür für die Wettanbieter ganz weit öffnet, aber man kann nicht ausschließen, dass weitere Lizenzen vergeben werden.“ Sollte das Gericht das Monopol auflösen, haben schon einige Unternehmen wie Medienen Wettangebote angekündigt, und sogar der Deutsche Fußball-Bund plant dann eine eigene Wette.

Wetten ist menschlich, aber schlecht, hält auch der Gesetzgeber den Buchmachern dagegen. Wer also Sportwetten mit festen Gewinnquoten veranstaltet, macht sich strafbar. So hatte auch das Bundesverwaltungsgericht im Falle der klagenden Buchmacherin entschieden. Es hielt sich dabei an die gängige Argumentation: Ausnahmen dürfe es nicht geben, da der Staat den „natürlichen Spieltrieb“ einzudämmen und zu kanalisieren habe. Zudem gebe es die beim Tippen gefürchteten typischen Kollateralschäden, siehe Fall Hoyzer, es gelte also „Begleitkriminalität“ zu verhindern.

Gegen dieses Urteil geht die Buchmacherin vor, und ihre Gründe dürften gerade in der Tipp-Gemeinschaft auf Zustimmung stoßen. Sportwetten mit festen Gewinnquoten sind ihrer Ansicht nach gar kein Glücksspiel, sondern haben etwas mit Kenntnissen zu tun. Dieses Argument werden die Verfassungsrichter mit Blick auf den tatsächlich wenig vorhersehbaren Ablauf etwa von Bundesligaspielen wohl beiseite schieben, aber dann fällt die Rechtfertigung des staatlichen Monopols schon schwerer. Schließlich dämmt und kanalisiert der Staat nicht (nur), sondern wirbt mehr oder weniger unverholen dafür, der eigenen Leidenschaft zu frönen. Oddset ist zum Beispiel nationaler Sponsor der Fußball-WM 2006 – die Entscheidung wurde begleitet von politischem Wohlwollen.

Wie aber kann der Staat den Bürger sinnvoll vor etwas schützen, zu dem er ihn gleichzeitig herzlich einlädt? Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird zwar erst Anfang des nächsten Jahres erwartet, aber eine Antwort auf diese Frage werden die Richter heute möglicherweise schon andeuten. Sie kann den ganzen Fall entscheiden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben