Sport : Hol den Ball, los, weiter!

Beim Sieg der Türkei über Kroatien wird ein Mythos geboren: Die Türken zeigen sich als eine Mannschaft, die nie schön und selten richtig gut spielt, aber stets das letzte Wort hat – wie die alten Deutschen

Sven Goldmann[Wien]

Der Fußball ist verrückt und hat noch jeden in den Wahnsinn getrieben, der sich näher mit ihm beschäftigt, am liebsten seine glühendsten Verehrer. Das war schon immer so. 1954 in Bern, 1966 in Wembley oder 1970 in Mexiko. Das eigentlich Bemerkenswerte ist, dass es immer noch ein bisschen verrückter, noch ein wenig wahnsinniger geht. Wie am Freitagabend in Wien. „Dieses Spiel wird mich und alle, die dabei waren, bis in alle Ewigkeit verfolgen“, sagt Slaven Bilic. „So etwas gibt es nur im Fußball, das ist der Grund dafür, warum Fußball der beste Sport der Welt ist.“

Der beste Sport der Welt hat es am Freitagabend nicht gut gemeint mit Slaven Bilic. Der jüngste Trainer des Turniers musste das Spiel seines noch jungen Trainerlebens verloren geben. 2:4 nach Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen die Türkei. 119 Minuten Langeweile, über die später keiner mehr redet, weil die letzten 153 Sekunden in der Verlängerung so einmalig sind. Führung, Ausgleich, Entscheidungsschießen. Die Tragik um Luka Modric, den jungen Spielmacher, der als erster die Nerven verliert. Und der Jubel um einen türkischen Torhüter, den sie im Falle eines Ausscheidens wohl zum Teufel gejagt hätten.

Der kroatische Trainer ist ein guter Verlierer. Slaven Bilic bedankt sich bei seinen Spielern, er lobt den Gegner und gleitet dann ab ins Philosophische, auf der Suche nach dem gewissen Etwas, das den Türken beistehe, „ich weiß auch nicht, was das ist, aber da muss irgendetwas sein, das sie immer im Spiel hält“. Ein Mythos wird dieser Tage geboren. Viermal erst hat bei dieser EM eine Mannschaft einen Rückstand noch in einen Sieg verwandelt. Dreimal waren die Türken beteiligt. Im Dauerregen von Basel lagen sie 0:1 gegen die Schweiz zurück und gewannen noch in letzter Sekunde 2:1. In Genf schossen sie gegen die Tschechen in der letzten Viertelstunde gleich drei Tore zum 3:2-Sieg. Am Freitag folgte als bisheriger Höhepunkt das Drama von Wien.

Die Türken haben sich einen Ruf erarbeitet als Mannschaft, die immer zurückschlägt. Die nie schön und selten richtig gut spielt, aber stets das letzte Wort hat. So hat man früher über die Deutschen geredet, von denen Polens Trainer heute noch behauptet, sie seien erst geschlagen, „wenn sie im Bus sitzen“. Bei den Türken darf man sich nicht zu sicher sein, ob am Ende nicht noch der Busfahrer einspringt als Torwart, Stürmer oder sonst was.

Dieses EM-Viertelfinale von 2008 erinnert verdächtig an das WM-Halbfinale von 1982, als die Deutschen in der Verlängerung 1:3 gegen Frankreich zurück lagen und doch noch im Elfmeterschießen siegten. Mit diesem Fußball wollen sie heute nichts mehr zu tun haben. Seit vier Jahren, seit der von Jürgen Klinsmann inszenierten Revolution, arbeiten sie an einem neuen Image als moderne Fußballmacht. Die Türken hätten wohl nichts dagegen, die alten Deutschen der Zukunft zu werden. Und dabei gleich die neuen Deutschen zu schlagen, am Mittwoch im Halbfinale von Basel. „Wir können gegen jede Mannschaft bestehen“, sagt Hamit Altintop. Wer Wien überstanden hat, muss Basel nicht mehr fürchten.

Die Geschichte des Dramas von Wien beginnt und endet mit Rüstü Recber. Ganz unverhofft ist der 35-jährige Torhüter durch eine Sperre von Volkan Demirel noch einmal zurückgekehrt. Er macht seinen Job ganz gut, bis zu jener 119. Minute, als er sich in den Weiten seines Strafraums verirrt. Modric reagiert sofort und zirkelt den Ball über den Torwart hinweg zu Ivan Klasnic, der ihn mit der Stirn ins Tor stürzt. 1:0 für Kroatien, Klasnic dreht jubelnd ab, und in Gedanken sieht er vielleicht schon die Schlagzeilen des nächsten Tages. Über sich, den ersten Spieler, der mit einer transplantierten Niere seine Mannschaft ins Halbfinale köpft.

Alle kroatischen Spieler feiern Klasnic, auch Trainer Bilic dreht mit weit ausgestreckten Armen eine Ehrenrunde um die Fahnenstange an der Mittellinie. Sekunden verrinnen und addieren sich zu einer guten Minute, Schiedsrichter Roberto Rosetti wird sie den 120 Minuten als Nachspielzeit zuschlagen. Die türkische Mannschaft liegt am Boden und der Ball immer noch am Tor. Trainer Fatih Terim befiehlt seinem Stürmer Arda Turam: „Hol den Ball, los, weiter!“

Doch den Türken fehlt die Kraft, den letzten Angriff fahren die Kroaten, er wird abgepfiffen, Abseits. Es läuft schon die Nachspielzeit, Folge des ausgedehnten kroatischen Jubels. Torwart Rüstü Recber drischt den Ball nach vorn, hinein in den kroatischen Strafraum, aber da stehen vier Kroaten und nur zwei Türken. Der eine, Emre Asik stürzt sich wie ein Kamikaze hinein, so dass der Ball dem zweiten Türken vor die Füße springt. Semih Sentürk schießt mit links ins rechte Eck, und die kroatische Party ist zu Ende. Slaven Bilic ahnt da schon, dass dieser Schock mehr war als nur eine Vorentscheidung für das Elfmeterschießen. „Ich konnte nicht in die Köpfe der Spieler schauen“, sagt Bilic später, „aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie in Gedanken nicht beim Elfmeterschießen waren, sondern immer noch dieses Tor sahen.“ Modric, der sicherste Schütze, schießt rechts vorbei, Ivan Rakitic links daneben. Und dann hält Rüstü den Schuss von Mladen Petric, es ist ein letzter Moment der atemlosen Stille vor dem großen Jubel.

Es ist schon nach Mitternacht, als Fatih Terim den Applaus und die Ergebenheitsadressen der türkischen Reporter entgegen nimmt und Grüße an die 70 Millionen Landsleute ausrichtet, „Ihr könnt alle stolz auf uns sein!“ Weit weg sind in diesem Moment alle profanen Personalsorgen, Sperren und Verletzungen. Am Freitag standen nur noch 15 Feldspieler zur Verfügung. Dann kassierten Sanli Tuncay, Arda Turan und Emre Asik ihre jeweils zweite Gelbe Karte, womit sie für das Halbfinale automatisch gesperrt sind. Zu allem Überfluss humpelte Nihat Kahveci, der Star vom FC Villarreal, wegen Adduktorenproblemen vom Platz – er kann gegen Deutschland wohl nicht spielen. Bekommen die Türken für Mittwoch überhaupt eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammen? Terim winkt ab, „dieses Problem werden wir schon lösen“. Der Ball ist rund und der nächste Gegner ist immer der schwerste. Wer hat das doch gleich gesagt?

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