Holger Glandorf : Schmerzhafter Abschied

Bis zuletzt hatte er den großen Versuchungen, woanders deutlich mehr Geld zu verdienen, beharrlich widerstanden. Nun verlässt Handballstar Glandorf das sinkende Nordhorn.

Erik Eggers
Glandorf
Holger Glandorf -Foto: ddp

Berlin - Gestern Nachmittag lief Holger Glandorf noch einmal für die HSG Nordhorn auf. „Holger wollte unbedingt noch einmal für die HSG spielen“, sagte Glandorfs Berater Jochen Bergener. Doch das 38:31 im Achtelfinal-Rückspiel des Europapokals der Pokalsieger gegen den isländischen Klub Hafnarfjördur setzte den Schlusspunkt unter ein knapp zehnjähriges Kapitel. Am Sonntagabend dann waren innerhalb kürzester Zeit die nötigen Formalitäten für Glandorfs Wechsel zum TBV Lemgo innerhalb der deutschen Handball-Bundesliga (HBL) abgewickelt. Nächsten Samstag ist Glandorf dann bereits für die Ostwestfalen spielberechtigt. Dann geht es gegen die Rhein-Neckar Löwen, die ebenfalls um Glandorf gebuhlt hatten. Nordhorn verliert damit nicht nur seinen Star, sondern auch die meisten Hoffnungen auf eine positive Zukunft.

Der Nationalspieler hatte bis zuletzt den großen Versuchungen, woanders deutlich mehr Geld zu verdienen, beharrlich widerstanden. Nordhorn sei sein Favorit, hatte Glandorf nach der WM in Kroatien erklärt. Doch die Turbulenzen, in die sein Klub erneut stürzte, zwangen den 25-Jährigen, der zu den besten Rückraum-Linkshändern der Welt zählt, doch zum Handeln. Am Freitag war bekannt geworden, dass die HSG am heutigen Montag eine so genannte „drohende Insolvenz“ anmelden will, um so für sechs Wochen Gläubigerschutz zu erlangen. Der eingesetzte Insolvenzverwalter soll in diesem Zeitraum klären, ob der Klub tatsächlich insolvent ist oder nicht. „Der Wechsel war das Beste, was ich für den Verein noch tun konnte und ich hoffe, dass es hier weiter geht“, erklärte Glandorf.

Dass die Ablösesumme für Glandorf, die bei 150 000 Euro liegen soll, eine Pleite des Vizemeisters von 2002 tatsächlich verhindert, daran gibt es aber erhebliche Zweifel. Eine Million Euro sollen der HSG derzeit fehlen, die meisten Profis warten auf zwei Monatsgehälter. Hinzu kommt eine große Schuld gegenüber dem Finanzamt, deren Höhe noch unklar ist: Im September 2008 hatte die Steuerfahndung Oldenburg die Geschäftsräume des Klubs durchsucht sowie sich mit vielen Spielern und auch Trainer Ola Lindgren befasst; der Verdacht lautete auf Zahlung von Schwarzgeldern, mithin Steuerhinterziehung. Das Geld, das die HSG aus den Transfers der letzten Wochen erhielt, soll das Finanzamt vereinnahmt haben: Erlend Mamelund (nach Flensburg) und Peter Kukucka (nach Schaffhausen) hatten bereits die Konsequenzen aus der Misere gezogen. Dass weitere Stammkräfte wie Kreisläufer Bjarte Myrhol den Klub verlassen, ist wahrscheinlich.

Schon der dreimalige Meister TuSEM Essen hatte im Herbst Insolvenz beantragt und steht bereits als erster Zwangsabsteiger fest. Sollte auch Nordhorn diesen Weg gehen, dürfte der Tabellenvorletzte Stralsunder HV doch noch den Relegationsplatz ergattern; pikanterweise steht aber auch Stralsund finanziell schwer unter Druck. „Der Abstiegskampf wäre dann zur Farce geworden. Das ist nicht gut für den Handball“, sagte Daniel Stephan, Lemgos Sportdirektor, mit sorgenvoller Miene. „Wenn die Insolvenz kommt, ist es eine Katastrophe“, meint HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann.

Als Konsequenz hat die HBL bereits eine Verschärfung der Lizenzauflagen beschlossen. Ab der nächsten Saison muss jeder Klub alle drei Monate die Zahlung aller Spielergehälter und Abgaben nachweisen, die den Großteil der Klub-Etats ausmachen. Die Insolvenzen in Nordhorn und Essen, darauf legt Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann großen Wert, „haben nichts mit der aktuellen Finanzkrise zu tun“. Im Umkehrschluss heißt das: Sie sind das Werk von Finanz-Hasardeuren.

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