Sport : Holland ist irritiert

Nicht alle können Trainer Marco van Basten folgen

Stefan Hermanns

Berlin - Einen guten Witz erkennt man vermutlich daran, dass man ihn nicht als Witz erkennt. Marco van Basten, der Trainer der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, hat es in dieser Disziplin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Vor ein paar Wochen ist er in einer Kinder- Pressekonferenz befragt worden, wie viele Tore Klaas Jan Huntelaar bei der WM schießen werde. „Zwölf“, antwortete van Basten, woraufhin ein Junge nachhakte: Er ist also dabei? „Ich denke“, sagte van Basten. Am Sonntag, nach der Nominierung seines WM-Kaders, ist er noch einmal auf diese Aussage angesprochen worden. „Das war die Frage eines Kindes. Darauf habe ich eine Kinderantwort gegeben“, rechtfertigte sich der Bondscoach.

„Das macht er eigentlich sehr clever“, sagt Youri Mulder, der frühere Stürmer von Schalke 04, der inzwischen fürs holländische Fernsehen arbeitet. „Marco ist ein netter Typ, sehr umgänglich, aber in seinen Entscheidungen ist er knallhart.“ Edgar Davids und Clarence Seedorf zählen zu seinen prominenten Opfern. In den Niederlanden aber hat vor allem die Nichtberücksichtigung Huntelaars einen mittleren Aufruhr aufgelöst. In den Internetforen regiert das Unverständnis. „Kein Weltmeister 2006“, lautet der Tenor. An Huntelaars Stelle nominierte van Basten Jan Vennegoor of Hesselink, einen bulligen Stoßstürmer, „der so viele Tore geschossen hat, wie er Nachnamen hat“, wie jemand im Internet gehöhnt hat.

Huntelaar hat in 46 Pflichtspielen 43-mal getroffen, mit 33 Treffern ist er Torschützenkönig der Ehrendivision geworden. „Wir müssen nicht übertreiben“, sagt van Basten. „Vor drei Monaten hat niemand über Huntelaar und die WM gesprochen.“ Mag sein. Aber vielleicht hätte gerade das für den Stürmer von Ajax Amsterdam gesprochen. Kein anderer Holländer hat in diesem Jahr derart brilliert wie der 22 Jahre alte Huntelaar. Doch statt zur WM nach Deutschland fährt er nun mit der U 21 zur EM nach Portugal.

Als Ajax im Winter neun Millionen Euro für Huntelaar an Heerenveen überwies, ist der Klub für diesen Transfer heftig gescholten worden. Die Investition aber hat sich längst bezahlt gemacht. Dank Huntelaars Toren in den Play-off- Spielen haben sich die Amsterdamer nach einer bescheidenen Saison doch noch für die Champions League qualifiziert, und im Pokalfinale gegen Eindhoven erzielte er beide Tore zum 2:1, das entscheidende in der Nachspielzeit. Von den Ajax-Fans wird der 22-Jährige inzwischen geradezu hymnisch verehrt. „Er ist der Erlöser“, heißt es in einem Lied, das ihm gewidmet ist, „ein Wunder auf dem Feld“.

Es war Huntelaars Pech, dass van Basten nur drei Mittelstürmer zur WM mitnehmen wollte: Neben Vennegoor of Hesselink sind dies Dirk Kuyt und Ruud van Nistelrooy. „Van Basten hat an seiner Linie festgehalten“, sagt Youri Mulder. Die Zeitung „De Volkskrant“ bezeichnete den Bondscoach trotzdem als einen Menschen, „dessen Eigensinn schon beinahe legendär ist“. Die Entscheidung gegen Huntelaar ist nicht die erste, die auf Verwunderung stößt. In van Bastens Amtszeit sind 22 Debütanten zum Einsatz gekommen, doppelt so viele wie im selben Zeitraum unter Jürgen Klinsmann in Deutschland. Nicht bei allen haben die Holländer die Berechtigung erkennen können. „Van Bastens Vorteil ist, dass er einen so großen Namen hat“, sagt Youri Mulder. „Die Journalisten trauen sich nicht, ihn richtig kritisch anzugehen.“

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