Sport : Holland - Tschechien: Auf der Latte sitzt ein Engel

Die holländischen Fans atmeten tief durch, und Frank Rijkaard glaubte sogar an himmlischen Beistand. "Heute hat ein Engel bei uns auf dem Tor gesessen", meinte der holländische Trainer nach dem denkbar glücklichen 1:0 (0:0)-Sieg gegen Tschechien. Hollands Fußball-Idol Johan Cruyff brachte aber auf den Punkt, bei wem sich die "Elftal" eigentlich für den Auftaktsieg bedanken musste: "Schickt dem Schiedsrichter einen Strauß Blumen. So einen Elfmeter gibt man nicht. Das ist Unsinn."

Tschechiens Trainer Jozef Chovanec sprach im Rückblick auf die 89. Minute in der AmsterdamArena sogar offen von einem Skandal. Der italienische Schiedsrichter Pierluigi Collina zeigte auf den Elfmeterpunkt, nachdem der Schalker Jiri Nemec Ronald de Boer im Strafraum am Trikot gezupft hatte. Eine nach den Regeln wohl korrekte, aber extrem harte Entscheidung. "So etwas passiert jedes Mal im Strafraum, da müsste man bei jedem Eckball Elfmeter pfeifen", schimpfte Pavel Kuka vom VfB Stuttgart.

Hollands Kapitän Frank de Boer war es egal, er nutzte die familieninterne Vorarbeit seines Zwillingsbruders Ronald, verwandelte den Strafstoß eiskalt und bewahrte den Top-Favoriten vor einer Enttäuschung. "Heute brauchten wir viel Glück, ich hoffe, dass das in den nächsten Spielen nicht mehr nötig ist", meinte Clarence Seedorf, der wie andere holländische Superstars äußerst schwach spielte.

Der Favorit schien unter der Last der riesigen Erwartungshaltung eines ganzen Landes zusammenzubrechen. "Viele in der Mannschaft sind mit dem Druck nicht fertig geworden, vor allem Seedorf, Cocu und Davids", meinte Cruyff und nahm damit die gesamte Mittelfeldreihe aufs Korn. "Wir haben heute richtig Massel gehabt."

Gleich zwei Mal trafen die im zweiten Durchgang immer stärker werdenden Tschechen nur Latte oder Pfosten des Tores von Edwin van der Sar. "Wir haben heute viele Dinge falsch gemacht", gab Edgar Davids zu. Warum die Niederländer völlig die Kontrolle über das Spiel oder den überragenden Tschechen Pavel Nedved verloren hatten, dafür hatte kaum jemand eine Erklärung. "Wir haben einfach die Geduld verloren", meinte Seedorf. Die Angst vor dem Versagen, die die Aktionen lähmte, war im Stadion fast greifbar. "Nach den beiden Lattentreffern sind wir richtig nervös geworden", sagte Artur Numan, der vielleicht von der Ersatzbank den besseren Überblick als seine Kollegen hatte.

"Ich finde, man muss auch mal auf das Ergebnis schauen", meinte Dennis Bergkamp und hakte das Spiel schnell ab. Im zweiten Vorrundenspiel gegen Dänemark haben die Niederländer am kommenden Freitag in Rotterdam die Chance, vorzeitig den Einzug ins Viertelfinale klar zu machen. Das Spitzenspiel gegen Weltmeister Frankreich zum Vorrundenabschluss könnte dann schon zum Schaulaufen werden.

Abgeschrieben haben auch die Tschechen das Viertelfinale noch nicht, auch wenn es sicher einige Tage dauern wird, Wut und Enttäuschung, auch über den Platzverweis gegen den bereits ausgewechselten Radek Latal kurz vor Schluss, zu verdauen. Schiedsrichter Collina verfasste einen Sonderbericht über den Vorfall, sodass nun die Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union (Uefa) über eine mögliche Sperre für den Bundesligaprofi von Schalke 04 entscheiden muss.

Radek Latal soll nach Collinas Elfmeter-Pfiff zugunsten der Holländer den griechischen Ersatzschiedsrichter Kyros Vassaras übel beschimpft haben und hatte daraufhin die Rote Karte gesehen. Latal selbst hatte nach dem Schlusspfiff jeglichen Kommentar verweigert. Die Karte bedeutete eine persönliche Sanktion gegen den Spieler, die Mannschaft durfte mit elf Akteuren weiterspielen.

Sollte Latal für zwei Spiele gesperrt werden und Tschechien die Vorrunde nicht überstehen, wäre für den Schalker die EM ohne weiteren Einsatz beendet. Vor vier Jahren bei der EM in England hatte der 30-Jährige das Halbfinale gegen Frankreich und das Endspiel gegen Deutschland verpasst, weil er nach einem Platzverweis im Viertelfinale für zwei Spiele gesperrt worden war.

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