• Holland - Tschechien: Sie können diesen Glatzkopf nicht leiden - Schiedsrichter Collina spielt Schicksal beim 1:0-Sieg

Sport : Holland - Tschechien: Sie können diesen Glatzkopf nicht leiden - Schiedsrichter Collina spielt Schicksal beim 1:0-Sieg

Oliver Trust

Für Sekunden war es totenstill im "Press Conference Room" der Amsterdam Arena, der jetzt eher wie ein Gerichtssaal mit Anklagebank wirkte. Oben saß Pavel Nedved und spielte Staatsanwalt: "Sind hier italienische Journalisten?" Schweigen. Fast belustigt schaute der flinke Mittelfeldmann aus Tschechien vom Podium herab und knurrte wie ein Tiger im Käfig. Fabio Bianchi von der "Gazetta dello Sport" streckte mutig den Finger. "Fabio", sagte Nedved, zog die Augenbrauen hoch und schaute ihm direkt in die Augen: "Wie schreibst du morgen über den Schiedsrichter?" "Bad, bad, very bad", antwortete Bianchi und lächelte verlegen. Es war nicht einfach, Italiener zu sein in dem Moment.

Nedved nickte zufrieden. Denn auch der Spruch der Tschechen lautete auf schuldig. Aber dieser Pierluigi Collina ist ein harter Hund. Den kümmert alles Jammern nicht. Und so pfiff er diesen Elfmeter kurz vor Schluss für die Holländer, die eigentlich schon mausetot waren und den aufgedrehten Tschechen gelähmt zuschauten. Jiri Nemec zog Ronald de Boer (89.) das Trikot fast vom Leib. De Boer half mit und segelte schauspielernd durch die Luft. An den Ball wäre er nie und nimmer mehr herangekommen. Mit Gerechtigkeit hatte nichts zu tun, was Frank de Boer unter dem Jubel der fast 50 000 "Oranje"-Fans dann tat. Er schoss den Ball zum 1:0-Sieg ins Tor. "Der Schiedsrichter hat persönlich Einfluss genommen", klagte Nedved und hatte einen Blick wie gespitzte Bleistifte.

Sie können diesen Glatzkopf, der so kompromisslos pfeift, einfach nicht leiden. In der Serie A in "Bella Italia" fing die Feindschaft an, die sie seitdem pflegen. Zwei Mal rot für Nedved bei Lazio Rom, ein Mal für Verteidiger Tomas Repka. Das haben sie nicht vergessen. Schon vor dem Spiel schimpften sie über die Uefa und diesen Typen aus Italien. "Das ist ein Komplott gegen Tschechien. Dieser Schiedsrichter ist eine Tragödie", meckerte Nedved. Dem französischen Sportblatt "Le Equipe" gestand er sogar: "Ich hasse Collina." Jetzt half alles nichts mehr. Hätten sie doch nur ein Tor geschossen. Chancen waren genug da. Jan Koller an die Latte, Nedved an den Pfosten, eines hätte gereicht. "Tschechien war die bessere Mannschaft", gab Bondscoach Frank Rijkaard zu und sah wie gerädert aus. Geschockt wirkte er, wie die Zuschauer und seine Spieler, die großspurig dachten, sie spielen alles nieder. Gegen die Tschechen rutschte ihnen das Herz in die Hose, und sie hatten Glück.

Collina und der Elfmeter, das war nicht das einzige Kapitel dieses Dramas, da konnte Clarence Seedorf noch so oft sagen: "Wir haben eins und die null." Zu dem Zeitpunkt saßen draußen in dieser riesigen Amsterdam Arena auf den fürchterlich steilen Rängen immer noch Hunderte Fans eingehüllt in tschechische Fahnen und heulten. Unten auf dem Rasen weinte Nedved mit ihnen. Trainer Josef Chovanec trat einen Eimer Wasser um. Andere standen nur da und schüttelten den Kopf.

Radoslav Latal stand da schon unter der Dusche. Wütend wie die anderen. Nach Collinas Pfiff waren sie erbost aufgesprungen. Wild ruderten sie mit den Armen, schrien und schimpften. Der Aufpasser von der Uefa scheuchte die Tschechen wie ein selbstherrlicher Parkplatzwächter zurück. Sie sprachen später von Provokation, und das war es wohl auch gewesen. Schimpfwörter hat der gewissenhafte Uefa-Mann trotzdem gehört, und er hat auch die "Stinkefinger" gesehen, die sich ihm und Collina im Dutzend entgegenstreckten. Pech für Latal, dessen Gesicht hat er sich gemerkt und ihn an den Schiri verpetzt. Latal sah Rot. "Wenn das ein Elfer war, muss man in jedem Spiel zehn pfeifen", schimpfte Pavel Kuka. "Da bereitest du dich zwei Jahre vor, und dann das." Auch daheim in Tschechien wissen sie jetzt, dass Fußball nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat.

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