Sport : Hollands Bremen

Der Ausbildungsklub Alkmaar kann heute Meister werden – gegen finanziell starke Konkurrenz

Stefan Hermanns

Berlin - Es war vor dem Uefa-Cup-Spiel gegen AZ Alkmaar, als in der Gästekurve des Bremer Weserstadions plötzlich der Jubel losbrach. Auf der Tartanbahn vor den Anhängern aus Holland stand ein grauhaariger Mann im dunklen Anzug. Die Bremer Zuschauer rätselten, wer dieser Mann sein könnte, den das Volk ausgiebig feierte. Es war Dirk Scheringa, einer der reichsten Männer der Niederlande, Besitzer einer Bank und einer Versicherungsgesellschaft – und Präsident des Ehrendivisionärs aus Alkmaar. Bei den Anhängern seines Vereins scheint er sehr beliebt zu sein. Man könnte auch sagen: Er hat sich beliebt gemacht.

„Der Präsident macht den Unterschied“, sagt Louis van Gaal, der Trainer des Vereins. Mit seinem finanziellen Einsatz hat Scheringa AZ Alkmaar zu einer der besten Adressen des Landes gemacht. Seit knapp vier Jahren schon spielt die Mannschaft den attraktivsten Fußball in der Ehrendivision, und am heutigen Sonntag könnten die Darbietungen die entsprechende Krönung erfahren. Im spannendsten Meisterschaftsfinale der holländischen Fußballgeschichte hat Alkmaar alle Vorteile in der Hand.

Drei Mannschaften liegen vor dem letzten Spieltag nur durch die Tordifferenz getrennt punktgleich an der Tabellenspitze: AZ (plus 53) vor Ajax Amsterdam (plus 47) und dem Noch-Meister PSV Eindhoven (plus 46). Eindhoven darf heute zwar als einzige der drei Mannschaften zu Hause antreten (gegen Vitesse Arnheim), doch die Auswärtsaufgaben von Alkmaar (beim 16. Excelsior Rotterdam) und Ajax (beim 15. Willem II) sprechen nicht unbedingt dafür, dass die Saison für den PSV doch noch ein versöhnliches Ende findet. Zwischenzeitlich hatte Eindhoven elf Punkte Vorsprung auf seine Verfolger, die letzten verspielte der Meister am vergangenen Wochenende in Utrecht, als er fünf Minuten vor dem Ende das Tor zum 1:1-Endstand kassierte.

Als die Kunde von Utrechts Ausgleich sich im DSB-Stadion von Alkmaar verbreitete, brach auf den Rängen der Jubel los. „Wir sind virtueller Meister“, sagte Trainer van Gaal nach dem Spiel. Sollte die Mannschaft heute auch richtiger Meister werden, wäre es das erste Mal seit 26 Jahren, dass keiner der großen Drei – Ajax, PSV und Feyenoord Rotterdam – den Titel holt. Dem letzten Verein, dem dies 1981 gelang, war: AZ Alkmaar.

Seitdem hat der Klub aus der 93 000-Einwohner-Stadt in der Provinz Noord-Holland eine bewegte Geschichte hinter sich. Erst zehn Jahre liegt AZ’ Abstieg aus der Ehrendivision zurück. Den Wiederaufstieg zu alter Stärke hat Co Adriaanse eingeleitet, die Vollendung könnte nun Louis van Gaal gelingen, der die Mannschaft seit dem Sommer 2005 trainiert. Schon unter Adriaanse spielte das Team im besten Sinne holländisch: dominant, zwingend und offensiv. Daran hat sich unter van Gaal nichts geändert.

„Bei AZ verfüge ich über alle Kompetenzen, die ich haben will“, sagt der Trainer, der 1995 mit Ajax die Champions League gewonnen hat, allerdings auch für die schwärzeste Stunde des holländischen Fußballs in der jüngeren Vergangenheit steht. 2002 verpasste die exzellent besetzte Nationalmannschaft unter ihm die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Japan und Korea. Den früheren Lehrer hat dieser Misserfolg jedoch nicht davon abgehalten, seine Nachfolger, vor allem Dick Advocaat, ausgiebig zu kritisieren. Marco van Basten revanchierte sich mit der Aussage, van Gaal sei „der schlechteste Bondscoach der letzten 20 Jahre“ gewesen.

Dabei ist van Basten längst erster Profiteur der guten Arbeit seines Vorvorgängers. AZ liefert verlässlich immer neue Spieler für die Nationalmannschaft, allein im WM-Kader des vergangenen Sommers standen fünf. Der Klub ist nicht umsonst mit Werder Bremen verglichen worden. Auch AZ ist trotz der Unterstützung durch Scheringa ein Ausbildungsverein. „Finanziell können wir mit Ajax, PSV und Feyenoord nicht Schritt halten“, sagt der Präsident. Der Umbruch ist in Alkmaar zum Dauerzustand geworden. Allein nach der vergangenen Saison hat der Klub 15 Spieler abgegeben. Aber die Lücken werden immer wieder neu geschlossen. Zuletzt hat sich vor allem der Deutsche Simon Cziommer, der lange verletzt war, in den Vordergrund gespielt. Am vergangenen Wochenende, als AZ Alkmaar Tabellenführer wurde, schoss er zwei Tore zum 3:1 gegen Heerenveen.

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