Holstein Kiel : Das Hoffenheim des Nordens

Auch Holstein Kiel setzt auf Mäzene und Konzeptfußball. Der neue Trainer, Ex-Herthaner Falko Götz, bekommt ähnliche Befugnisse wie Ralf Rangnick.

Erik Eggers[Kiel]
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Foto: dpa

Kiel - Roland Reime ist nicht für norddeutsche Zurückhaltung bekannt. Die einen bezeichnen es als visionär, was der Präsident der KSV Holstein Kiel von sich gibt, die anderen als größenwahnsinnig. „Ich will, dass in Schleswig-Holstein endlich wieder Bundesliga-Fußball gespielt wird“, erklärte Reime am Dienstag, als er stolz ein neues Trainergespann präsentierte. Will er etwa die Bayern angreifen? „Nein“, erwiderte Reime da. „Die Zweite Liga reicht erst einmal.“ Der Aufstieg soll bis 2012 realisiert werden. Ein ehrgeiziges Ziel, zumal der Klub als Spitzenreiter der Regionalliga Nord derzeit noch um den Aufstieg in die Dritte Liga spielt.

Dafür präsentierte der Klub in Falko Götz und Andreas Thom zwei bundesweit bekannte Trainer, die bis Frühjahr 2007 Hertha BSC coachten. Der 45-jährige Götz soll mehr als nur Cheftrainer sein und den gesamten sportlichen Bereich und den Nachwuchs leiten. Dieses breit gefächerte Anforderungsprofil habe ihn gereizt, sagte Götz. Er wolle nicht mehr „als Feuerwehrmann“ von Bundesligisten verpflichtet werden, sondern „Feuer entfachen“.

Weil der ehemalige Uefa-Cup-Sieger über ähnliche Befugnisse wie Ralf Rangnick in Hoffenheim verfügt, war umgehend von einem „Hoffenheim an der Förde“ die Rede. Götz tat nicht viel, um diesem Slogan zu widersprechen. „Wir können uns nicht mit dem Tempo messen, das in Hoffenheim vorgelegt wird“, sagte er zwar, aber die Infrastruktur in Kiel sei in einigen Bereichen schon besser als bei manchem Zweitligaverein.

Wenn er mit Infrastruktur die Geldgeber meint, liegt er nicht falsch. Die beiden wichtigsten Sponsoren des Klubs, der einen Etat von rund vier Millionen Euro hat, sind zu Millionenspritzen jederzeit in der Lage: Die Aufsichtratsmitglieder Hermann Langness und Gerhard Lütje, Besitzer zweier Einkaufsketten, unterstützen den Verein mit ihrem Vermögen.

Abgesehen vom neuen 1,9 Millionen Euro teuren Jugendleistungszentrum sind die Bedingungen in Kiel indes aber noch amateurhaft. Das Holstein-Stadion etwa versprüht 60er-Jahre-Charme, die Flutlichtanlage leuchtet nicht hell genug. Ohne Erneuerung wird Kiel die Lizenz für die Dritte Liga nicht erhalten. Präsident Reime schiebt die Verantwortung dafür auf die Stadt, die darüber angesichts des Trainerhonorars von rund 800 000 Euro jährlich kaum begeistert sein wird. Von wenig Professionalität zeugt zudem die enge Zusammenarbeit Kiels mit dem Spielerberater Steffen Schneekloth, der elf seiner Profis im Klub untergebracht und den Kontakt zu Götz hergestellt hat. Was andere Spielerberater von einer solchen Konstruktion halten, dürfte eher nicht zu Kiels Vorteil gereichen. Erik Eggers

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