Sport : Hooligans: Als wäre Nivel einfach vergessen

Zwei Jahre nach Lens. Die Gegenwart führt in die Vergangenheit. Die Euro 2000 in Belgien und Niederlande leidet unter den britischen Holligans, und England droht sogar der Ausschluss, falls sich die Krawalle von Charleroi wiederholen. Zwei Jahre zuvor waren es deutsche Gewalttäter, die ihr Land während der WM 1998 in Frankreich an den Pranger der Weltöffentlichkeit stellten.

Viele mögen jenen 21. Juni 1998 von Lens schon vergessen haben, Egidius Braun wird immer daran denken. Für den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) war die Fußball-WM an diesem schwarzen Tag beendet. Deutsche Hooligans prügelten den französischen Polizisten Daniel Nivel in der Rue Romuald Pruvot in Lens fast zu Tode. Braun sah die Bilder und rang um Fassung, aber er fand sie nicht: "Das ist die schwärzeste Stunde meines Lebens." Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) setzte daraufhin vor der Euro 2000 schärfste Sanktionen durch.

Für die letzte Besinnung sorgte ein Prozess in Essen. Vor fast exakt einem Jahr spricht die Frau des schwerverletzten Daniel Nivel Worte von anrührender Eindringlichkeit. Die Frau, die durch die Tritte wildgewordener Hooligans ihren Mann fast verloren hätte, ist damit beschäftigt, ihrem Gatten wieder Lesen und Schreiben beizubringen. Diese Frau, die im Leid über sich hinausgewachsen, sagt: "Es war wichtig für uns, nach Deutschland zu kommen, denn wir hatten das Gefühl, dass das ganze deutsche Volk mit uns war."

Die vier Angeklagten Christopher Rauch, Frank Renger, Andre Zawacki und Tobias Reifschläger starren in diesem bewegenden Augenblick vor sich hin. Renger und Reifschläger hatten sich bei Nivel und seiner Frau zu entschuldigen versucht, waren aber ganz offenkundig froh, sich schnell wieder hinter ihren Anwälten verstecken zu können. Nivel lag nach dem Überfall 44 Tage im Koma und kehrte erstmals am 8. Oktober in sein Haus in Arras zurück. Langsam hat er gelernt, sich selbst zu waschen und zu ernähren. Laurette Nivel: "Wir hoffen, dass er wieder sprechen lernt."

Frank Renger, der in Essen einsitzt, bereute und will Hooligans auf den richtigen Weg zurück bringen. "Ich habe alles falsch gemacht", sagt Renger. "Ich will versuchen, andere davon zu überzeugen, mehr richtig zu machen als ich." Zwei Tage, nachdem er seine Haft antrat, reichte seine Frau die Scheidung ein. Renger denkt an Selbstmord. Aber jetzt hat der gelernte Konditor eine Aufgabe. Und diese unterscheidet sich in nichts von der des Egidius Braun: "Lens wird sich nicht wiederholen. Dafür werde ich kämpfen."

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