Hooligans bei der EM 2016 : Deutschland gegen Polen ist ein Risikospiel

Das Spiel der deutschen Nationalelf gegen Polen wird wohl gewaltbereite Störer anziehen. Die Vorbereitungen laufen. Die Bundespolizei will Hooligans schon an der Grenze stoppen.

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Französische Polizisten beobachten englische Fans in Lille.
Französische Polizisten beobachten englische Fans in Lille.Foto: dpa

Die Bilder von Gewaltexzessen bei der EM am vergangenen Wochenende in Marseille und wenige Tage später in Lille, wo deutsche Krawallmacher auf ukrainische Fans einschlugen, haben die Öffentlichkeit schockiert. Am Mittwoch sind englische, walisische und russische Fans bis in die Nacht in Lille aufeinandergetroffen. Die Brutalität und die rohe Gewalt, mit der die Schläger aus England, Russland, aber auch aus Deutschland vorgingen, haben allgemeines Entsetzen ausgelöst. Ausschreitungen bei Fußball-Turnieren gab es in der Vergangenheit immer mal wieder, aber lange nicht mehr in dieser Dimension und dieser Intensität.

Begegnung wird gewaltbereite Störer anziehen

Am Donnerstag kommt es mit dem zweiten Vorrundenspiel der Gruppe C zwischen Deutschland und Polen in Paris zu einem weiteren Hochsicherheits-Spiel, weshalb die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verschärft worden sind, wie Jan Schabacker sagt. Der 47-Jährige ist Sprecher der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (Zis) in Duisburg. So ist beispielsweise die deutsche Polizeidelegation bei dieser EM, die die französischen Sicherheitskräfte unterstützt, von acht auf zwölf Beamte verstärkt worden. „Die Aufstockung hängt aber nicht mit den Vorfällen in Lille zusammen“, sagt Schabacker dem Tagesspiegel. Vielmehr ist es so, dass dieses Duell schon im Vorhinein als Risikospiel eingestuft wurde. „Wir gehen davon aus, dass diese Begegnung gewaltbereite Störer anziehen wird“, sagt Schabacker, „Spiele gegen Polen sind traditionell brisant.“

Die Szene will die EM für sich nutzen

Bereits bei der WM 2006 ist es rund um das Duell dieser beiden Teams in Dortmund zu Ausschreitungen gekommen, wie auch zwei Jahre später in Klagenfurt. Rund um das damals erste Gruppenspiel einen Tag nach Beginn der EM 2008 wurden 157 krawallbereite Störer und Gewalttäter aus Deutschland festgenommen.

Konfrontation in Klagenfurt. 2008 gerieten Fans beider Lager bereits aneinander.
Konfrontation in Klagenfurt. 2008 gerieten Fans beider Lager bereits aneinander.Foto: imago sportfotodienst

Die Botschaft, die von dieser Maßnahme in die gewaltbereite Szene gesendet wurde, ließ sich mit einem „da geht nichts“ umschreiben und hatte durch das gesamte Turnier in Österreich und der Schweiz Bestand.

Die Botschaft aber, die gleich zu Beginn von dieser EM ausgeht, ist leider eine andere, nämlich „hier geht was“, wie nicht nur Sicherheitskräfte feststellen. So waren rund 300 gewaltbereite Störer aus Deutschland allein nach Lille gereist. „Diese hohe Zahl macht uns deutlich, dass die Szene diese EM für sich nutzen will“, sagt Schabacker. Kritik am möglicherweise zu laschen oder falschen Vorgehen der französischen Behörden will er nicht äußern. Doch bei manchem Beobachter ist eben dieser Eindruck entstanden. „Frankreich stand unter dem Eindruck des Terrors. Das war das beherrschende Thema“, sagt ein Sicherheitsbeamter, der nicht genannt werden will.

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Neue Hooligan-Ausschreitungen bei der EM in Lille
Neue Hooligan-Ausschreitungen bei der EM in Lille

Reger Datenaustausch mit französischen Behörden

Die Bundespolizei will Hooligans, die nach Paris unterwegs sind, möglichst schon an der Grenze stoppen. Bis Dienstag waren an der deutschen Grenze bereits 21 Ausreiseuntersagungen ausgesprochen worden, im Vorfeld haben szenekundige Beamte aus dem gesamten Bundesgebiet aktuell 712 sogenannte „Gefährdungsansprachen“ durchgeführt. „Wir suchen gewaltbereite und gewaltsuchende Personen in deren Umfeld auf, sprechen sie von Gesicht zu Gesicht an und machen ihnen deutlich, dass wir sie im Auge haben und dass wir sie auch beim Turnier im Auge behalten werden“, erklärt Schabacker.

Mit den französischen Behörden finde ein reger Datenaustausch statt, es gehe darum, welche bekannten Krawallmacher kommen und welche kommen könnten. Das Problem sei aber auch, dass die deutschen Behörden szenebekannte Störer nicht so einfach an der Ausreise hindern könnten. Es komme auf „gerichtsfeste Faktoren“ an, wie etwa die Ausrüstung oder auffälliges Verhalten.

Deutsche Polizei hat nur beratende Funktion

Während das Bundeskriminalamt dabei ist, die randalierenden deutschen Hooligans von Lille mittels Film- und Videoaufnahmen zu ermitteln, sind die szenekundigen Beamte der deutschen EM-Polizeidelegation seit gestern in Paris unterwegs. Bahnhöfe und innerstädtische Plätze werden dabei inspiziert, also Orte, an denen sich etwas zusammenbrauen könnte.

Die deutschen Polizei-Spezialkräfte hätten allerdings nur beratende Funktion für die französischen Sicherheitsbehörden. „Unsere Männer sind szenekundig, die können die jeweilige Gefährdungslage gut und schnell einschätzen und ihre Informationen an ihre französischen Kollegen weitergeben“, sagt Zis-Sprecher Schabacker. Mit mindestens 300 bis 400 gewaltbereiten Deutsche wird in Paris zu rechnen sein. Aus Polen sollen es nicht weniger sein.

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