Sport : Hooligans im Hafen

Jochen Schümann und die Crew der Alinghi planen nach einem möglichen Sieg beim America’s Cup den schnellen Abflug aus Auckland

Hartmut Moheit

Berlin. Der Polizist am Fernglas traute seinen Augen kaum. Zur Sicherheit ließ er einen Kollegen durch sein Objektiv blicken, doch dieser bestätigte ihm die ungeheuerliche Provokation: Vor dem Polizeiboot, mitten im Trainingsrevier vom Team New Zealand, fuhr ein Motorboot mit der Aufschrift Alinghi. Der Fall war für die Männer auf Patrouille klar: Spionage. Und das zwei Wochen vor dem America’s Cup der Hochseesegler, zu einem Zeitpunkt, an dem die Wellen ohnehin nicht nur vor Auckland hochschlugen. „Dass wir nur 5000 Euro bezahlen mussten zeigt aber, wie nichtig die Geschichte eigentlich war“, sagt Jochen Schümann, der Sportdirektor des unter Schweizer Flagge segelnden Teams. „Wir waren doch alle zu diesem Zeitpunkt nicht da. Es waren zwei Vertragsangestellte, denen das passierte“, beschreibt der Berliner die Hintergründe.

Während sich das Team New Zealand, der Verteidiger des America’s Cup, nicht dazu äußerte, nutzten Nationalisten den Vorfall zu einer weiteren Kampagne. Der am 15. Februar beginnende Zweikampf um die bodenlose Silberkanne aus dem Jahre 1893 bekam sein hässliches Vorspiel. Der „The New Zealand Herold“ hatte mit einseitigen Beiträgen einen Anteil daran, dass die Hetzkampagne der nationalistischen Organisation „Blackhearts“ zur Gefahr wurde. Besonders angegriffen wurden die Neuseeländer um Steuermann Russell Coutts und Taktiker Brad Butterworth. Wegen ihres Wechsels zum Hauptkontrahenten aus Europa wurden sie als Vaterlandsverräter eingestuft. Seitdem kümmern sich Leibwächter um ihr Wohl, und auch um das ihrer bedrohten Familien. Zwei Teenager mussten sich sogar einen Tanz ihrer Mitschüler ansehen, bei dem im Chor „kill Alinghi, kill Alinghi" gerufen wurde.

Noch nie zuvor hatte das Segeln mit einem Hooligan-Problem zu kämpfen. In einer Sportart, die immer auf der Basis der Stiftungsurkunde (The Deed of Gift) ausgetragen werden soll. Im dritten Paragrafen wird darin vom „freundschaftlichen Wettkampf der Nationen“ geschrieben. Trotz kleinerer Änderungen gilt auch unter den heutigen Cup-Syndikaten die Stiftungsurkunde als uneingeschränktes Gesetz. Was für Veränderungen an den Regeln, am Protokoll und an den Abläufen auch vorgenommen werden, alles bezieht sich auf das Originaldokument.

Dazu passt absolut nicht, was Jochen Schümann für den Fall des Cup-Gewinns seiner Crew ankündigt: „Sollten wir den America’s Cup gewinnen, dann werden wir sehr schnell mit einer Chartermaschine nach Genf fliegen.“ Dass der Einsatz einer russischen Antonow, in die auch die komplette Ausrüstung einschließlich der Millionenteuren High-Tech-Boote passen würde, geplant worden ist, ja selbst Evakuierungen der Neuseeländer auf der Alinghi, bestätigt er nicht. Jochen Schümann drückt sich lieber diplomatisch aus: „Natürlich wollen wir den Erfolg alle zusammen in der Schweiz feiern. Das wäre dann die schnellste Variante.“ Vom Erfolg ist der 48-Jährige überzeugt. Ganz im Gegensatz zu den Buchmachern, die den Gastgebern die größten Chancen einräumen. „Nach der ersten Wettfahrt wissen wir mehr“, sagt er und ergänzt: „Am besten für uns wäre es, der Wind würde stark wehen. Aber im Herausforderer-Finale gegen BMW-Oracle haben wir auch gezeigt, dass wir bei Leichtwetter erfolgreich sein können.“ Wo in diesem Falle der nächste America’s Cup stattfinden würde, ist für Schümann ziemlich klar: „Das Mittelmeer von Italien bis Spanien bietet sich an, auch der Atlantik vor Spanien oder Portugal. Ich glaube aber kaum, dass die Ostsee dafür von den Schweizern ausgewählt werden würde.“

Schümann möchte sich darüber aber derzeit noch keinen Kopf machen. Nur, „es wird mit dem Alinghi-Projekt weitergehen“, das weiß er bereits. Das Nahziel sind in der Best-of-nine-Serie um den America’s Cup fünf Siege gegen die New Zealand. „Irgendwie kann ich den ganzen Trubel hier schon verstehen“, sagt Schümann, „Segeln ist in Neuseeland nun mal das Größte – der America’s Cup das Allergrößte. Wenn da bei den ansonsten sehr fairen Fans ein paar Sicherungen durchbrennen, ist das zwar schlimm, aber wir werden es überleben.“ Es gibt auch Hoffnung am Hauraki-Golf, dass nichts eskaliert: Die Blackhearts haben ihren taktischen Rückzug angekündigt. Was immer das bedeuten mag …

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