Hooligans : Krawall statt Karneval

Bei Ausschreitungen von Fußballfans am Samstagabend in Stuttgart sind neun Menschen verletzt worden.

Stuttgart - Mehrere hundert randalierende Fußballfans haben am Wochenende die WM-Freude in Stuttgart stark getrübt. Die Bilanz der Polizei: Neun Verletzte, darunter vier Polizisten, und insgesamt 500 zumeist englische Fans, die vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden. Die oft stark betrunkenen Krawallmacher hatten sowohl am Freitag- als auch am Samstagabend die Stuttgarter Innenstadt vorübergehend in einen Ausnahmezustand versetzt und hunderte Polizisten in Kampfanzügen auf den Plan gerufen.

Am Freitagmittag hatte Stephen Thomas, Leiter des WM-Einsatzes der britischen Polizei in Deutschland, noch gute Laune versprüht. "Was Sie sehen werden, sind nur Betrunkene, die sich amüsieren", dämpfte er die Furcht der Stuttgarter vor insgesamt 60.000 englischen Fußballfans, die für das Achtelfinalspiel England gegen Ekuador erwartet wurden. Und auch der britische Botschafter in Deutschland, Sir Peter James Torry, betonte, der schlechte Ruf der englischen Fans sei heutzutage nicht mehr gerechtfertigt.

Die Stuttgarter wurden eines anderen belehrt: Am Freitagabend lieferten sich Engländer und Polizisten straßenschlachtartige Szenen. Am Samstag gingen schließlich englische und deutsche Fans aufeinander los. Es flogen Glasflaschen, volle Bierbecher, Tische und Stühle durch die Luft. In der Fußgängerzone - der Hauptmeile der Fanbewegungen - war ein Durchkommen Stunden lang nicht mehr möglich. Das Gelände vor dem Königsbau war mit Scherben übersät. Und über der Innenstadt kreisten Polizeihubschrauber.

Große Ernüchterung - aber Sicherheitskonzept ging auf

Auch wenn die Krawallmacher nur einen kleinen Teil der Fangemeinde ausmachten, war die Ernüchterung groß. "Eine Konfrontation in der Größenordnung haben wir so noch nicht gehabt", räumte der Stuttgarter Polizeipräsident Siegfried Stumpf ein. Das Sicherheitskonzept sei jedoch aufgegangen. Die Polizei habe schnell reagiert. Sein britischer Kollege Thomas übte sich derweil in Schadensbegrenzung. Er verwies mehrmals auf den "Karneval" unzähliger friedlicher Fans in der Stadt. So habe etwa nur 200 Meter vom Krawallort entfernt eine englische Familie ein fröhliches Picknick veranstaltet.

Doch die 500 Störenfriede haben die Stuttgarter Polizei bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. Von 122 Fans, die am Freitag in Gewahrsam genommen wurden, bleiben letztlich 117 auf richterliche Anordnung bis Montagfrüh hinter Gittern. Die 378 Fans, die dagegen am Samstag vorläufig festgenommen wurden, kamen fast alle wenige Stunden später wieder auf freien Fuß, darunter auch fünf bis zehn Deutsche. "Es war nicht möglich, alle Personen durch das komplizierte Verfahren zu schleusen", sagte Stumpf. Die Polizeifahrzeuge reichten ebenfalls nicht aus. Für den Abstransport der Fans wurden auch Nahverkehrsbusse eingesetzt.

Verwunderung bei britischen Journalisten

Bei den vielen britischen Journalisten stieß nicht nur das unterschiedliche Vorgehen auf Unverständnis. Sie wunderten sich auch darüber, dass bei den Fanfesten in Stuttgart Alkohol ausgeschenkt wird und die Besucher im Straßenverkauf Bierflaschen aus Glas erwerben können. Stumpf verwies auf die rechtlichen Bestimmungen in Deutschland, die Regeln für die Gastronomie und die Freiheit eines jeden Gastronomen - überzeugen konnte er die englischen Medien damit nicht. Für die Treppe, auf der sich die englischen Randalierer trafen, kündigte er aber immerhin ein "Außenbewirtschaftungsverbot" an. (Von Tanja Wolter, ddp)

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