HSV : 100 Tage Taktik

Wie Trainer Labbadia den HSV nach oben bringt

Frank Heike[Hamburg]
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Foto: dpadpa

Das edelste Haus an der Binnenalster war am Montag der angemessene Ort, um Bruno Labbadia und Ole von Beust zusammen zu bringen. In der Gesprächsrunde namens Hamburg Soirée haben schon Franz Beckenbauer, Boris Becker und Franziska van Almsick mit dem Ersten Bürgermeister gesprochen. Der interessiert sich zwar nicht für Sport, schätzt aber den öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Labbadia begegnete der großen Bühne vor verlesenem Publikum verhalten. So ist es die Art des 43 Jahre alten Fußball-Lehrers: den Mund nicht zu voll nehmen. Bescheiden wirken. Auf die eigene Herkunft verweisen (italienische Abstammung, acht Geschwister). Schon gar nicht auftrumpfen, wenn man sich in der Woche vor dem Spitzenspiel der Bundesliga befindet und die eigene Mannschaft nur ein Tor vom ersten Platz trennt, den derzeit noch Bayer Leverkusen, Labbadias ehemaliger Klub, einnimmt. Heute treffen beide Mannschaften in Hamburg aufeinander.

Nie verhehlen kann dieser Bruno Labbadia aber seinen brennenden Ehrgeiz. Am Montag erzählte er: „Manchmal muss ich nach Niederlagen für mich allein sein. Dann schlafe ich auf der Couch.“ Durch solche offenen Sätze gewinnt er an Kontur, nicht durch die immergleichen Fußballphrasen, die er so gern benutzt: „Wir haben uns alles hart erarbeitet.“

Dabei sieht es doch so aus, als habe sich Labbadias HSV den exzellenten Start in die Saison erspielt. Mit einem 4-4-2-System, mit präzisem Flachpass-Fußball. Mit einer deutlich sichtbaren Struktur und dem Willen, das Spiel zu machen. Nie in seiner Hamburger Zeit sei so viel und so akribisch Taktisches trainiert worden, sagt Nationalspieler Piotr Trochowski. Insofern ist Bruno Labbadia in seinen 100 Tagen im Job sehr viel gelungen. Doch irgendwie scheint er dem ganzen noch nicht zu trauen, und das liegt nicht nur daran, dass die beiden besten Offensivspieler des HSV, Paolo Guerrero und Mladen Petric, noch monatelang verletzt fehlen werden.

Bruno Labbadia redet viel, er möchte sich erklären, er antwortet auf kurze Fragen ausführlich und grundsätzlich. Er möchte durch die im Darmstädter Hessisch vorgetragene Rede die Extreme abfedern, die in Hamburg auf seine Mannschaft wirken: Nach einem Sieg gegen die Bayern spricht man hier schon von der Meisterschaft, nach Niederlagen auf den Randbühnen Europa League und DFB-Pokal von Krise.

Labbadia hat vom ersten Tag an versucht, allzu große Begeisterung zu dämpfen „Wir können die Situation einschätzen“, sagt er dann. Der HSV Deutscher Meister mit Labbadia? Warum nicht? Aber die Erfahrung hat ihn gelehrt, nicht im Oktober vom Mai zu sprechen. Zum einen ist der HSV noch mit jedem der letzten Trainers spät eingebrochen, zum anderen hat Labbadia aus Leverkusen den Ruf mitgebracht, ein Trainer ohne Ausdauer zu sein. Die Stationen des Abschieds vom „Traumjob“ bei Bayer sind deutlich markiert: der Aufschwung der Vorrunde, der Sturz der Rückrunde, der Streit mit Spielern und Manager Reschke. Labbadia provozierte den Rausschmiss schließlich vor dem (verlorenen) Pokalfinale durch ein Interview. Der Weg für den HSV, „der einfach mein Verein ist“, wie Labbadia heute sagt, war frei.

Manchmal geraten ihm die Bezüge zu groß für einen Trainer, der doch erst im zweiten Jahr in der Bundesliga Trainer ist und noch nichts erreicht hat. Dann wird der FC Barcelona zum Vergleichswert in der Systemfrage. Man kann das aber auch dahingehend werten, dass ihm nach den Stationen Darmstadt, Fürth und Leverkusen das Beste als Vorbild gerade gut genug ist. Als ewiger Antrieb kann das nicht schaden. Seine ebenfalls fleißigen Vorgesetzten staunen ja schon länger, wie viele Stunden man als Fußballtrainer so arbeiten kann.

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