HSV : Die Mimosen zelebrieren den Aufstand

HSV-Profis provozieren ihren Trainer – in der öffentlichen Wahrnehmung ist immer Labbadia Schuld.

Frank Heike
Ohne Blickkontakt. Trainer Bruno Labbadia und Frank Rost verstehen sich nicht mehr gut.
Ohne Blickkontakt. Trainer Bruno Labbadia und Frank Rost verstehen sich nicht mehr gut.Foto: dpa

HamburgEin Trainer fragt einen Spieler, ob er fit fürs Training sei, der bejaht und verletzt sich. Ein Trainer wechselt einen defensiven Mittelfeldspieler aus, weil die Mannschaft zurückliegt und einen Stürmer braucht. Ein Trainer will mit seinem Torwart reden, weil der vor einem Spiel das Mannschaftshotel verlässt, ohne Bescheid zu sagen.

Bruno Labbadia, der Trainer des Hamburger SV, hat Mladen Petric am Mittwoch nicht überreden wollen mitzuüben, trotzdem redete Petric nach seiner Leistenverletzung von „schlechter Kommunikation“. Jemand hätte ihn bremsen sollen. Bruno Labbadia hat Kapitän David Jarolim am Samstag völlig zu Recht ausgetauscht, es stand 0:1 gegen Mainz, und Jarolim wirkte müde. Trotzdem war der uneinsichtige Jarolim am Tag danach immer noch sauer. Bruno Labbadia wollte am Sonntag Frank Rost nur fragen, warum er am Freitag einfach unabgestimmt mit fünf Kollegen ins Kino gegangen war. Die Situation eskalierte trotzdem, die beiden schrien sich vor versammelter Mannschaft an. Rost ist inzwischen aus dem Mannschaftsrat zurückgetreten.

Drei Szenen, die im Profifußball alltäglich sind – drei Szenen, in denen Labbadia eigentlich nichts falsch gemacht hat. Aber dem Trainer des Hamburger SV fällt gerade alles auf die Füße, was er anpackt. Den Kapitän demütigt er, den angeschlagenen Torjäger zwingt er zum Training, den Torwart ekelt er aus dem Rat – in der öffentlichen Wahrnehmung ist immer Labbadia Schuld. Beim Hamburger SV zerfleischen sie sich zum Saisonfinale; bei der aktuellen Tabellensituation ist die Teilnahme am internationalen Wettbewerb in Gefahr, nur in der Europa League mischt der HSV aktuell noch mit. Doch dem einen oder anderen in der Hamburger Führung schwant längst, dass ein neuer Trainer mit diesem Kader voller eitler Mimosen genau die gleichen Probleme kriegen könnte wie Labbadia.

Künftige Spieler des Hamburger SV sollen ja eine Art Charaktertest bestehen, bevor sie einen Vertrag unterschreiben dürfen. Das hat vor ein paar Wochen Bernd Hoffmann angekündigt, der Vorstandsvorsitzende. Ihn nervt es seit Jahren, dass sich zu viele der Hamburger Profis hängen lassen, wenn es im Saisonfinale drauf ankommt. Es ist sicher nicht Hoffmanns schlechteste Idee, demnächst mehr auf die inneren Werte zu achten. So wie es aussieht, wird es im Sommer genug Kandidaten geben, die zum HSV stoßen werden, betrachtet man die möglichen Abgänge: Boateng geht sicher, Trochowski, Demel, Pitroipa, Guerrero, Elia und Zé Roberto könnten hinzukommen. Viel Arbeit also beim Charakter-Casting.

Die Petitesse um Rost hat allerdings eine Vorgeschichte. Im Januar warb Labbadia bei der Mitgliederversammlung in einer spontanen Rede für sich und seine Ziele beim HSV. In einem Nebensatz ging es um die Torwartposition; Labbadia sagte, dass man sich nach einem Nachfolger Rosts umschauen müsse, denn der höre ja im Sommer 2011 auf. Das Problem: Mit Rost war das nicht abgestimmt. Der streitbare Torwart hatte gerade erst einen Einjahresvertrag unterschrieben, von Karriereende war keine Rede, im Gegenteil: Der 36 Jahre alte Rost könnte sich gut vorstellen, länger als bis 2011 beim HSV zu spielen. Labbadia nicht. Ohne Not hatte sich der ehrgeizige Trainer einen der wichtigsten Spieler zum Feind gemacht. Dass sich Labbadia noch im Winter beim Vorstand für Rost starkgemacht hatte – vergessen.

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