Sport : HSV: Elefantensache

Claus Günter

Darf man Frank Pagelsdorf mit einem Elefanten vergleichen? Der Trainer des Hamburger SV würde sich wahrscheinlich wegen seiner Gewichtsprobleme beleidigt fühlen. Also besser nicht. Dabei hat er durchaus Charaktereigenschaften, die auch den sympathischen, schweren Leisetretern nachgesagt werden: Er ist sensibel, er ist treu und er vergisst nicht. Wie bei Sergej Barbarez und Joe Simunic. Wenn Frank Pagelsdorf von einem Spieler überzeugt ist, wird er sich immer an ihn erinnern. Wie bei Barbarez.

Nun sind sie also seit Saisonbeginn wieder zusammen, der Trainer und sein Lieblingsschüler. Es ist fast wie im richtigen Leben: Sie können nicht wirklich ohne einander - oder wollen nicht. Im Olympiastadion heute gegen Hertha BSC soll der Bosnier wieder den noch verletzten Rodolfo Cardoso ersetzen. Und wenn Pagelsdorf sauer auf einen Spieler ist, weil er charakterliche Defizite festgestellt haben will, dann hat der ausgedient. Wie Joe Simunic.

Der Australier mit kroatischem Pass wird heute wohl bei den Gastgebern auf der Bank sitzen, ob Pagelsdorf ihm die Hand reicht, ist fraglich. Über den Wechsel des 22-Jährigen zur Hertha war der HSV-Coach so sauer wie selten zuvor. "Er wird es bei uns jetzt sehr schwer haben", erklärte Pagelsdorf Anfang des Jahres, als der Verteidiger seinen ablösefreien Wechsel zu den Berlinern zur neuen Serie ankündigte. Nach einem Hin- und Her mit gebrochenen Versprechen und Pokerspielen. Schließlich warf Simunic gar seinen Berater raus, der bereits mit dem HSV Einigung über einen neuen Kontrakt erzielt hatte. Hertha wollte und konnte eben mehr zahlen und in Hamburg zürnte der Coach so lange, bis Simunic noch im Winter für rund 350 000 Mark nach Berlin abgeschoben wurde.

Nein, da ist ihm ein Spieler wie Sergej Barbarez viel lieber. 3,5 Millionen Mark hat der HSV an Borussia Dortmund für den Bosnier überwiesen. In der Rangfolge der teuersten Einkäufe in der Vereinsgeschichte liegt Barbarez damit auf Platz drei hinter Marcel Ketelaer (5,5 Millionen) und Anthony "Netto" Yeboah (4,5). Man kennt sich eben und das schon verdammt lange.

Seit Barbarez 1991 aus Mostar nach Deutschland gekommen ist, verbindet ihn mit Pagelsdorf eine Schicksalsgemeinschaft. Zuerst bei den Amateuren von Hannover 96. Danach nahm Pagelsdorf den Bosnier mit zu Union Berlin, wo seit 1992 kickte. 1996 holte der Trainer ihn zu Hansa Rostock nach. Und nun sind sie nach Barbarez missglücktem Gastspiel bei Borussia Dortmund wieder beim HSV vereint. "Ich kenne ihn sehr lange. Wir wissen, was wir aneinander haben", erklärt der 29-Jährige seine Entscheidung für den HSV, "hier bekomme ich das nötige Vertrauen, dass ich für gute Leistungen brauche".

So blieb er bei seiner Entscheidung zum Wechsel, obwohl der neue BvB-Coach Matthias Sammer den torgefährlichen Mittelfeldspieler unbedingt halten wollte. Erst Recht nach dessen starkem Auftritt im vergangenen Spiel der Borussen in Berlin, als er beim 3:0-Sieg zwei Tore erzielte.

Auf ein ähnliches Erfolgserlebnis hofft er heute natürlich auch: "Ich möchte das Vertrauen des Trainers zurückzahlen." Hat er schon - Treffer und Torvorbereitung zum 2:0 in Bröndby öffneten weit das Tor zur Champions League und bestätigten Pagelsdorf mit seinem Elefanten-Gedächtnis.

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