Sport : HSV: Kredit für 90 Minuten

Joachim Frisch

Kurt Jaras Philsophie ist simpel: Ohne Spaß gibt es keinen guten Fußball. Dass der Tiroler Spaß versteht, hat er oft bewiesen. 2000 hat er die Meisterschaft mit dem FC Tirol im Schottenrock, in diesem Jahr in einer zünftigen Lederhose gefeiert. Als er Profi war und als eine Art schlampiges Genie galt, zeigte er einmal den Fans des FC Bayern das nackte Hinterteil, was ihn 10 000 Mark Strafe kostete, ihm aber eine höhere Summe für den Verkauf der Exklusivrechte an seiner Kehrseite einbrachte. Diese Verbindung von krachledernem Charme und Geschäftssinn hat wohl dem Hamburger SV derart imponiert, dass er Jara aus dem laufenden Vertrag in Tirol herauskaufte. Heute gibt der neue Trainer im Spiel gegen Hertha BSC seinen Einstand.

Nach einem 3:0 in einem Testspiel gegen Zweitligist Frankfurt feierte die "Hambuger Morgenpost" ihn schon als "Heilsbringer". Nicht, weil die zuvor so einfallslose Mannschaft unter Jara plötzlich Wunderdinge vollbracht hätte, sondern weil Jara einen fast unwiderstehlichen Optimismus ausstrahlt, auch wenn der angesichts des Zustandes der Mannschaft nicht angebracht ist. Die sei längst nicht so sehr am Boden, wie man ihm das berichtet hatte, verkündete er schon nach dem ersten Training, um sogleich einen einstelligen Tabellenplatz als Nahziel auszugeben. Falls der HSV unter Jara sogar einen internationalen Wettbewerb erreiche, kriege sein alter Klub etwas von der Prämie ab. Solch hemdsärmelige Volksnähe schätzt man auch im reservierten Hamburg, und nach den blamablen Leistungen der letzten Wochen werden selbst durchsichtige Bauchpinseleien als Zeichen der Entschlossenheit gewertet: "Der HSV steht auf einem Platz, der seiner nicht würdig ist. Ich will die Leute hier wieder glücklich machen."

Der Kontrast zum Leisetreter Pagelsdorf gefällt, doch der Heilsbringer aus den Tiroler Bergen bewegt sich im norddeutschen Flachland auf dünnem Eis. Gegen die Hertha erwartet man nichts anderes als einen Sieg. Falls der ausbleibt, dürfte der Spaß in Hamburg schnell vorbei sein. Heute ab 15.30 Uhr wird Jara an seinen Sprüchen gemessen, um Viertel nach Fünf wird er Großmaul sein oder Heilsbringer, Erlöser oder Loser.

Die Profis zeigen sich, schon aus Eigennutz, angetan von ihrem neuen, umgänglichen Chef. Jara hatte gleich am ersten Tag der Mannschaft das Du angeboten. Miteinander reden hält er für wichtig, auch hier ganz im Gegensatz zu seinem maulfaulen Vorgänger. Er ist für Disziplin und Respekt, hält aber nichts von Drill. Und natürlich darf der Spaß nicht fehlen. Den hat Marcel Ketelaer wieder gefunden, der schon fürchten musste, wie andere Talente beim HSV auf der Bank zu versauern. Beim Testspiel gegen Frankfurt hat er alle drei Tore vorbereitet, heute wird er von Beginn an spielen. Der 23-jährige Stürmer fühlt sich bereits an Gladbacher Zeiten erinnert, als er unter Hans Meyer "nicht ungestraft in die eigene Hälfte zurück" durfte. So etwas passt zur Philosophie des Trainers, dem ein 4:3 lieber ist als ein 1:0.

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