Sport : HSV - Werder Bremen: Tor ohne Schloss

Joachim Frisch

An Mut mangelt es Erik Meijer nicht, das bewies der Stürmer nach dem 0:4-Debakel seines HSV im Nordderby gegen Werder Bremen. Als einziger HSV-Profi wagte er den schweren Gang zur Nordtribüne, um sich von den wütenden Fans zu verabschieden. Sein Mut wurde belohnt. Die aufgebrachte Menge unterbrach die Schmähgesänge für Meijers Kollegen, die es vorgezogen hatten, in die Katakomben des Stadions zu flüchten, und sang: "Erik Meijer ist der Beste", ehe sie weiter ihrem Unmut über die desolate Vorstellung der Profis Luft machten.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der Schlingerkurs der Klubführung in der Trainerfrage schien sich auf die von Sportchef Hieronymus betreute Mannschaft übertragen zu haben. Da hatte Vorstandschef Werner Hackmann zuerst Pagelsdorfs Rauswurf angekündigt, dann zurückgenommen, dann auf Drängen des Aufsichtsrats doch durchgezogen und sich dafür schließlich öffentlich Asche aufs Haupt gestreut. "Man weiß vorher nie, ob die Entlassung des Trainers das richtige Mittel ist", murrte er im Vereinsmagazin mit einem Seitenhieb auf die Kontrolleure. Nach dem Desaster vom Samstag bleibt ihm der zweifelhafte Trost, mit seiner skeptischen Haltung Recht behalten zu haben. Denn ohne Pagelsdorf spielte die Mannschaft noch schlechter als mit ihm und bewies damit, dass ein Trainer-Rausschmiss noch längst keinen besseren Fußball garantiert.

Besonders desolat präsentiert sich die Hamburger Abwehr, sehr zum Leidwesen von Ingo Hertzsch. Ausgerechnet in einer Phase, in der alles schief läuft, besuchte DFB-Teamchef Rudi Völler den HSV bei einem Heimspiel - kein gutes Omen für Hertzschs internationale Karriere. Zumal die Kollegen den einst so hoffnungsvollen Verteidiger in der zweiten Halbzeit permanent im Stich ließen, um verzweifelt gegen das Bremer Tor anzurennen. Werder boten sich Konterchancen im Zwei-Minuten-Takt. Kein Wunder, dass Rudi Völler neben einem desolaten HSV eine unerwartet souveräne Vorstellung seines ehemaligen Klubs sah, dem allerdings kein anderer Gegner das Toreschießen so leicht machen dürfte. Das Transparent, das Werder-Fans zu Spielbeginn in ihrer Fankurve ausgebreitet hatten und das den HSV verspotten sollte, schmeichelte diesem letztlich sogar: "Ihr seid das Tor zur Welt, doch wir haben den Schlüssel", war da zu lesen. Im Laufe des Spiels stellte sich heraus, dass für das Tor des bedauernswerten Martin Pieckenhagen gar kein Schlüssel nötig war, weil es sperrangelweit offen stand.

Hieronymus wirkte nach dem Desaster ziemlich ratlos. Mehrmals betonte er flehentlich, die Mannschaft habe im Training doch einen hervorragenden und konzentrierten Eindruck hinterlassen, - gerade so, als seien höhere, böse Mächte im Spiel gewesen. Für die obligatorische kollektive Verunsicherung nach einem Gegentor fand Hieronymus statt einer Entschuldigung eine Fußballweisheit Herbergerschen Zuschnitts: "Wir müssen lernen, dass ein Spiel auch nach einem Rückstand weiter geht." Dem Sportchef dürfte es nun schwer fallen, die von Hackmann angemahnte Geduld bei der Trainersuche aufzubringen, er selbst hat jedenfalls kaum Spaß an dem Job gefunden.

Sollte sich bis zum Wochenende kein neuer Coach finden, dem man zutraut, die völlig verunsicherte Mannschaft wieder aufzurichten, wäre der HSV gut beraten, auf den Vorschlag des geschassten Pagelsdorf zurückzukommen und einen Psychologen zu engagieren. Seelischen Beistand haben die Hamburger bitter nötig.

Den Bremern scheint dagegen das zu gelingen, woran der HSV zu scheitern droht: Die Mannschaft zu verjüngen, ohne spielerische Substanz zu verlieren. Trainer Thomas Schaaf ließ die Routiniers Eilts und Herzog auf der Bank und sah trotzdem eine souveräne Vorstellung seines Teams. Bezeichnend, dass ausgerechnet der junge Fabian Ernst seinen ehemaligen Klub mit dem 3:0 endgültig auf die Verliererstraße schickte. Ernst verließ im letzten Jahr den HSV, weil er dort keine Perspektive sah.

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