Sport : HSV: Wie Gott in Österreich

Joachim Frisch

Während die Mannschaft seit Monaten ihre Anhänger mit ranziger Kost nervt, beschreitet der Vorstand des Hamburger SV mitunter ungewöhnliche Wege im Profifußball. Als erster Klub der Ersten Fußball-Bundesliga hatte der HSV den Namen seines Stadions verkauft. Jetzt zahlt er sogar eine Ablösesumme für einen Trainer, drei Millionen für Kurt Jara an den FC Tirol, um ihn aus dem bis 2004 geltenden Vertrag zu kaufen. Bis dahin ist Jara nun an den HSV gebunden. "In Tirol habe ich alles erreicht", sagte sich der frühere Profi von Schalke 04 und dem MSV Duisburg und zeigte gleich den Tatendrang, in den sein neuer Arbeitgeber so viele Hoffnungen setzt: "Dort bleiben zu müssen wäre wie in Rente gehen."

Zunächst hatten die Herren aus den Chefetagen den ungeduldigen Tiroler gehörig auf die Folter gespannt. Während Holger Hieronymus, Sportchef des HSV, und Tirols Manager Robert Hochstaffl sich eine nervenaufreibende Pokerpartie um die Ablösebedingungen lieferten, murrten einige Mitglieder des Hamburger Aufsichtsrates, dass man nach den 4,1 Millionen Mark Abfindung für Pagelsdorf nun erneut tief in die Vereinskasse greifen müsse. Die Skeptiker konnten mit dem Argument besänftigt werden, Jara verdiene mit knapp zwei Millionen Mark pro Jahr eine Million weniger als Pagelsdorf, mache bis 2004 genau die drei Millionen, die man nun nach Tirol überweise. Doch jetzt legte der Vorstand des klammen FC Tirol, den 20 Millionen Mark Schulden plagen sollen, seinem Meistertrainer die nächsten Steine in den Weg. Nicht, dass man Jara gegen seinen Willen halten wollte, doch den gesamten Stab, wie Jara gefordert hatte, mochte man ihm nicht überlassen. Assistent Heinz Binder bleibt nun in Tirol.

Neben Jara ist vor allem Holger Hieronymus erleichtert, schließlich musste er sich als Verantwortlicher für die zuletzt indiskutable Leistung der Profis bepöbeln lassen. Warum es aber ausgerechnet Kurt Jara sein muss, bleibt erklärungsbedürftig. Vielleicht spielt die ungestillte Sehnsucht des HSV nach Titeln eine Rolle. Zweimal in Folge wurde Jara Meister mit dem FC Tirol, der zurzeit den österreichischen Fußball dominiert. Entsprechend hoch hatte Tirols Manager Hochstaffl gestapelt, um den Preis hochzutreiben: "Der Kurt ist hier ein Gott". Den HSV scheint das überzeugt zu haben, und man akzeptiert, dass Götter ihren Preis haben. Nun hofft man, Jaras hemdsärmelige Siegermentalität möge die trägen Hamburger Profis anstecken. Die sind zunächst nur froh, dass endlich Ruhe einkehrt, über den neuen Trainer weiß man wenig. Für Torwart Martin Pieckenhagen ist das auch gar nicht so wichtig: "Egal, ob harter Hund oder nicht, Hauptsache, es läuft wieder."

Jara will mit "Disziplin und Konsequenz" den HSV nach oben führen. Wer die Mannschaft zuletzt gesehen hat, der dürfte gelinde Zweifel haben. Jara kennt die Mannschaft nur "von ein paar Videos und aus dem Fernsehen", sagt er, doch er habe sich die Tabelle angesehen, "mit zwei, drei Siegen ist man wieder ganz schnell oben." Das klingt nicht gerade analytisch, wie auch Jaras erste Rezepte "ganz bei Null anfangen", "ganz schnell Spiele gewinnen" oder "das Selbstvertrauen wiederherstellen" nicht sehr originell anmuten. Doch vielleicht braucht die Mannschaft ja weniger Originalität, sondern genau das, was Jara verbreitet: einen naiven Optimismus.

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