Sport : Hubschrauber im Bauch

Der Bremer Torwart Tim Wiese liebt das Fliegen – zwischen den Pfosten und bei seinen Modellen

Frank Hellmann[Bremen]

Präsident Hans Schwägerl und dessen Stellvertreter Willi Horn, die Vorstände des Deutschen Modellflieger Verbandes, können sich keinen besseren Repräsentanten als Tim Wiese vorstellen. Der 26-Jährige sei ein aktiver und äußerst versierter Modellflieger und ihr bester Botschafter. Der Torwart von Werder Bremen hat nämlich nicht nur opulente Hubschraubermodelle in seinem Keller stehen, sondern gehört tatsächlich der Modellflieger-Vereinigung an. Und als Ende November vergangenen Jahres Tausende Schaulustige zur Bremer Modellbaumesse pilgerten, durfte auch der prominente Vorflieger nicht fehlen. Denn der Familienvater, das weiß man, liebt die extravaganten Flugstunden.

Neu ist, dass der Modellflieger Wiese auch Elfmeter zu halten vermag. Der Parade gegen Luca Toni am vergangenen Sonntag beim FC Bayern folgten nun zwei gehaltene Strafstöße gegen den SC Braga, die ursächlich das beruhigende 3:0 im Zwischenrundenhinspiel des Uefa-Cups möglich machten. Logisch, dass solche Taten eine Debatte befeuern, die seit den Wiener Fehlgriffen des Jens Lehmann tobt. Wer ist die wahre Nummer eins im Lande? Beinahe reflexartig verwiesen Manager Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf in den Norden. Wenn alle Namen reingeworfen werden, muss man auch Tim Wiese dazunehmen, verlangte Schaaf. Die Intervention von Allofs klang ähnlich. „Tim arbeitet an sich, er hat sich weiterentwickelt, spielt wie ein Libero mit und ist auf der Linie sowieso gut. Man muss auch über ihn sprechen“, sagte Allofs, dafür hätte man kompetente Trainer beim Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Dummerweise halten die dortigen Entscheidungsträger herzlich wenig davon, nach jedem sehenswerten Reflex irgendeines Torstehers gleich ihre Hierarchie für die Nationalmannschaft aufzubrechen. Jens Lehmann ist gesetzt, dahinter kommen Timo Hildebrand und Robert Enke und am liebsten wäre es ihnen, an dieser Reihenfolge werde nicht gerüttelt. Wiese weiß das, nachdem der Rheinländer mit lauthals vorgetragenem Begehr abblitzte. Jetzt sagte er: „Ich habe drei Jahre lang gute Leistungen gebracht und nichts ist gekommen. Von Jogi Löw habe ich nie etwas gehört. Ich glaube nicht daran, dass er anruft. Und wenn doch, dann muss ich überlegen.“

Tim Wiese wird sich den Kopf nicht zermartern müssen. Löws Torwarttrainer Andreas Köpke stellte anderntags klar, dass die Torwartdiskussion hektisch, polemisch und ein Wahnsinn sei. Die öffentlich aufgedrängten Alternativen seien abenteuerlich und damit dürfte Wiese gemeint sei, dem eben Köpke vor geraumer Zeit klipp und klar absprach, das Profil des modernen Torwarts zu erfüllen. In der Tat ist die Streuung seiner Leistungen beträchtlich. Nimmt man den eigenwilligen Charakters Wieses dazu und berücksichtigt man, dass die ebenfalls übergangenen Torhüter René Adler und Frank Rost eine viel konstantere Runde spielen, ist die Verweigerungshaltung von Löw und Köpke zu verstehen. Andererseits waren es nicht irgendwelche unplatzierten Elfmeterschüsse, die Wiese gegen Brage mit fantastischen Reaktionen parierte. „Ich habe da einen neuen Trick“, sagte Wiese hinterher grinsend, „ich hampele neuerdings ein bisschen auf der Linie rum, um den Schützen nervös zu machen.“ Und er trägt im neuen Jahr ein kleidsameres violettes Trikot, „das ist besser als das olle gelbe“, sagte Wiese, „das war mir nach dem vielen Waschen zu eng geworden“. Wieder lachte er über sich selbst. Dass er tatsächlich noch den Schlussmann mit dem berüchtigten Spleen gibt, wurde auch daran deutlich, dass er allen Ernstes erwog, in der Nachspielzeit anstelle von Hugo Almeida den Strafstoß zum 3:0 zu verwandeln. Die Zuschauer riefen seinen Namen, Wiese deutete zur Trainerbank, doch Schaaf gebot Einhalt. Zum Unwillen Wieses: „Ich hätte ihn reingehauen.“ Warum man ihn nicht ließ? Kopfschütteln. Manches wird er nie verstehen. Wie sein beschädigtes Standing beim DFB. In diesen Kreis würde er wohl erst eingeladen, wenn die DMFV-Oberen Schwägerl und Horn dort das Sagen hätten.

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