Sport : Hürdenlauf vor Gericht

Im US-Dopingskandal werden Trainer und Pharmachefs angeklagt – Sportler bleiben vorerst verschont

Matthias B. Krause

New York. Er hätte einfach nur eine Pressemitteilung herausgeben können, doch John Ashcroft wählte die große Bühne. Vor aller Öffentlichkeit verkündete der US-Justizminister, dass nach 18 Monaten Ermittlungen im größten Dopingskandal der amerikanischen Geschichte Anklage erhoben wird. Nun droht den beiden Chefs des Pharmaunternehmens Balco, Victor Conte und Fames Valente, dass sie vor Gericht gestellt werden, ebenso Krafttrainer Greg Anderson und dem berühmten Leichtathletik-Coach Remi Korchemny. Laut Staatsanwaltschaft sind sie das Zentrum eines Doping-Ringes, der Leichtathleten, Football- und Baseball- Spieler systematisch mit verbotenen Steroiden und Wachstumshormonen versorgt hat.

Namen von Dopingsündern nannte Ashcroft nicht. Dabei gehören zu den Kunden der Firma vor den Toren San Franciscos durchaus prominente Athleten. Korchemny etwa zählt Sprint-Weltmeisterin Kelli White zu seinen Kunden, ebenso die britische Läuferin Dwain Chambers. Beide müssen sich mittlerweile wegen Dopingvergehen verantworten. Anderson wiederum ist der persönliche Trainer des Footballers Barry Bonds von den San Francisco Giants, der in den vergangenen drei Jahren durch sprunghafte Leistungssteigerungen aufgefallen war. Balco soll unter anderem die Designerdroge Tetrahydrogestrinon (THG) produziert haben, deren Einnahme neben Chambers bislang auch die Mittelstrecklerin Regina Jacobs, Kugelstoßer Kevin Toth und Hammerwerfer John McEwen überführt wurden. Weitere Leichtathleten stehen unter Verdacht, und allein beim Footballteam der Oakland Raiders wurden vier Spieler positiv auf THG getestet.

Während der Ermittlungen gegen Balco schnüffelten FBI-Agenten auch den Müll der Firma aus. Dort fanden sich leere Kanülen und Spritzen, die einst eine ganze Reihe von Muskelmachern und Ausdauer-Mitteln wie Epo enthielten. Agenten beobachteten, dass Athleten vorbeikamen, die sich ihre Injektionen offenbar persönlich abholten, Conte ließ sich das Geld für die Dopingmittel auf sein Privatkonto überweisen, er nahm auch Bargeld. Ansonsten pflegte Conte seine Kunden via E-Mail zu beraten. Als Don Catlin, der Leiter des Anti-Doping-Labors in Los Angeles darauf gekommen war, dass in der Leichtathletik das nie für den Markt freigegebene Steroid Norbolethone verwendet wurde, warnte der Balco-Chef seine Kunden. Die Antwort eines Leichtathletik-Coaches: „Ich denke, jetzt ist die Party vorbei.“

Der Verdacht wurde bei einer staatsanwaltlichen Anhörung erhärtet, bei der hochrangige Athleten auftreten mussten. Unter ihnen waren Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones und ihr Lebensgefährte, 100-Meter- Weltrekordler Tim Montgomery, beide Kunden von Balco. Ihre Aussagen sind noch geheim – bis Prozessbeginn. Deshalb setzen die Spielergewerkschaften der Major League Baseball (MLB) und der National Football League (NFL) alles daran, dass das auch so bleibt, wenn die Angeklagten sich verteidigen. Diesen drohen Haftstrafen von bis zu 20 Jahren.

Auch die Regierung von US-Präsident George Bush zeigt nur halbherziges Interesse, der Sache auf den Grund zu gehen. Deshalb ist es vielleicht kein Zufall, dass Ashcroft zwar die in der breiten Öffentlichkeit unbekannten Drahtzieher des Skandals vor Gericht stellt, die populären Athleten aber unbehelligt lässt. Bush selbst erwähnte das Thema Steroid-Missbrauch zwar vor drei Wochen in seiner alljährlichen Rede zur Lage der Nation. Doch nach Meinung vieler Beobachter handelte es sich dabei nur um einen Schachzug im Wahlkampf, um von unliebsamen Themen wie dem Irak-Krieg oder der Arbeitslosigkeit abzulenken.

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