Sport : Humane Arbeitswelt

Das modulare System „Level 34“ von Werner Aisslinger ergänzt Vitras Bürokonzept „Fusion Office“

Nora Sobich

„Fusion Office“ nennt Vitra sein modernes Bürokonzept. Dabei plädiert die renommierte Designschmiede nicht für kleinteilige „Hasenställe“, in denen die Mitarbeiter isoliert wie in einer kafkaesken Fantasie ihrer Arbeit nachgehen, sondern für offene Bürostrukturen. Die bisweilen heftig kritisierten Großraumbüros sind Ausgangspunkt für Vitras interaktiven Büroansatz, der die verheißungsvolle Überschrift „non-territoriale“ Arbeitswelt trägt und in dem sozusagen alles im freien Fluss ist.

Die Idee des „Non-territorialen“ hat zum einen ökonomische Gründe. Denn ohne Flächeneffizienz lässt sich heute keine Arbeitswelt mehr rechnen. Zum anderen geht man auch bei Vitra davon aus, dass vor allem Kommunikation der Schlüssel zu mehr Effizienz im Büroalltag ist. Doch statt das Büro der Zukunft bis ins letzte Detail aufstellfertig zu konzipieren, hält man überraschenderweise das perfekte Büro für eine Illusion. In einer global vernetzten Welt, so die dynamisch kommunikative These des „Fusion Office“, ist allein die Veränderung konstant und es gilt, darauf stets flexibel und produktiv zu reagieren.

Wie das als Möbelprogramm aussehen kann, haben die für Vitra in den letzten Jahren von namhaften Designern wie Antonio Citterio, die französischen Brüder Ronan & Erwan Bouroullec oder Jasper Morrison entworfenen Bürosysteme „Joyn“, „Ad Hoc“ oder „ATM“ gezeigt. Entsprechend der These des Prozesshaften sind alle Systeme von Vitras „Fusion Office“-Familie sowohl funktional als auch ästhetisch kompatibel. Neu hinzugekommen ist nun „Level 34“, entworfen von dem Berliner Designer Werner Aisslinger. „Level 34“ ist ein frei stehend modulares Bürosystem, dessen zentrales Element eine 34 Zentimeter hohe „Bank“ ist. Je nach Bedarf und Anspruch lassen sich mehrere Bänke zusammenfügen und auf dieser Basisfläche die verschiedenen Grundbausteine des Systems wie Sideboards, Schränke, kleine Container, Aktenboxen, Regale oder Sitzkissen arrangieren. Unterschiedliche Einrichtungsräume können so entstehen, entweder großräumige Studioarbeitswelten, ruhige Einzelarbeitsplätze, gesellige Meetingpoints oder praktische Storageareale. Auch für Empfangsbereiche und Lounges ist Aisslingers Möbelprogramm ohne weiteres tauglich.

In der Ästhetik erinnert „Level 34“ an die hochbeinige Leichtigkeit der vierziger, fünfziger und sechziger Jahre, für die gerade Vitra mit seiner exzellenten Klassikerkollektion der amerikanischen Nachkriegsmoderne weltbekannt ist. Die zentrale Plateau-Bank von „Level 34“ liegt nicht flach auf, sondern schwebt auf kleinen Füßen über dem Boden. Dadurch wirken die frei stehenden Büroelemente alles andere als wuchtig, eher kleinteilig wie ein Baukasten. Der Vergleich mit der Architekturmoderne drängt sich auch noch aus einem anderen Grund auf. „Level 34“ soll als Raumarchitektur verstanden werden. „Roomware“ nennt Werner Aisslinger die Fähigkeit des Möbelsystems, ohne bauliche Eingriffe Räume zu strukturieren. So lassen sich innerhalb der Büroräume unabhängige Orte schaffen. Ob Bereiche der Kommunikation, eine Kaffeetheke, eine Pflanzenecke oder von Lärm und Unruhe abgeschottete Ruhezonen.

Mit der zentralen Bank löst Aisslinger vor allem auch das leidige Thema der Verkabelung. Bei „Level 34“ verschwinden alle Kabel in einen in der Bank eingelassenen unsichtbaren Kanal und werden zu den einzelnen Ergänzungselementen geführt. Mobilität und Flexibilität müssen so nicht gleich Kabelsalat bedeuten. Zusammen mit der reduziert zurückgenommenen Formensprache wirkt Aisslingers Bürosystem geradezu wohnlich. Während man bei anderen modernen Bürosystemen eher den Eindruck hat, es gehe darum, den Mitarbeitern ihren wärmend gemütlichen Teppich unter den Füßen wegzuziehen, damit sie sich vor allem auf sich selbst und ihre Rolle als ewig sprudelnde Kreativitätsquelle besinnen, wird mit „Level 34“ der menschliche Anspruch nach mehr Behaglichkeit im Büro wieder zugelassen.

Nicht nur für die viel belächelte Büropflanze sieht Aisslingers schlichtes, weißes System ein Plätzchen vor. Es erlaubt auch, die Fronten der Möbel je nach Dekorationsbedürfnis mit unterschiedlichen Materialen und Farben zu gestalten. Selbst die bei Korpusmöbeln lang verschmähten Textilien kehren hier wieder zurück.

Ob sie später mit Postkarten und Erinnerungsfotos zu privaten Pinwänden missbraucht werden, ist zwar nicht ausgeschlossen, doch gerade diese Freizügigkeit macht „Level 34“ so angenehm. Das System lebt nicht von abgehobenen Parolen, sondern es ist ein einladend funktionales Tool.

Mit „Level 34“ müssen Veränderung und Effizienz steigernde Flexibilität nicht als Beipackzettel den Mitarbeitern zugesteckt werden, sondern sie entstehen von ganz allein.

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