Sport : Hurra, wir leben noch

In letzter Minute schafft Bayer Leverkusen den 2:1-Sieg in Hannover – und hofft jetzt auf die Wende

Erik Eggers

Hannover. Es dauerte 25 Minuten, bis die Spieler von Bayer Leverkusen sich hämischen „Absteiger, Absteiger“-Rufen ausgesetzt sahen. Und diese Beschimpfungen besaßen zu diesem Zeitpunkt einen realen Hintergrund: Längst nämlich schien der Klub, als er mit 0:1 gegen den direkten Konkurrenten Hannover 96 zurücklag, nach zuletzt fünf Niederlagen in Folge erneut auf der Verliererstraße zu sein. Und noch mehr: So viele Großchancen boten sich dem Gastgeber, so desolat präsentierte sich der Vizemeister, dass jeder Beobachter in der AWD-Arena mit einem Untergang Leverkusens rechnen musste. Am Ende jedoch drehte sich tatsächlich noch das Blatt. Im ersten Ligaspiel unter der Führung des Toppmöller-Nachfolgers Thomas Hörster gewann der Vizemeister noch ein Spiel, das bereits hoffnungslos verloren schien, mit 2:1 (1:0). Durch diesen Sieg verhinderte Bayer vorerst den Sturz an das Tabellenende, befindet sich nach diesem Erfolg freilich weiter in akuter Abstiegsgefahr.

Es war wahrlich ein kurioses Fußballspiel, eines, das die Zuschauer nicht so schnell vergessen werden. Die erste Aktion schon zeugte von dem Unvermögen Leverkusens, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen. Vor den Augen von Bundeskanzler Schröder war der Anstoß gerade ausgeführt, als Thomas Brdaric fahrlässig den Ball an Altin Lala verlor; die anschließende Flanke erlief Idrissou im Rücken der aufgerückten Abwehr und scheiterte nur knapp aus 12 Metern an Torhüter Jörg Butt.

Diese vergebene Chance war der Auftakt eines Sturmlaufs des Gastgebers. Innerhalb der ersten Viertelstunde kam Hannover 96 zu insgesamt fünf hochkarätigen Einschussmöglichkeiten, provoziert durch nur unfassbar zu nennende Fehlpässe aus der völlig indisponierten Bayer-Abwehr um die Innenverteidiger Kaluzny und Zivkovic. „Die erste Viertelstunde war pure Arbeitsverweigerung“, kommentierte Hörster diesen spielerischen und kämpferischen Offenbarungseid hinterher. Dem 1:0 durch Gheorghe Popescu, einem Weitschuss aus 22 Metern in den rechten Torwinkel, ging ein katastrophaler Fehlpass Placentes voraus. „In der Pause habe ich die Spieler gefragt: Wollt Ihr so weitermachen oder wollt Ihr Risiko gehen?“, so Hörster. Die Spieler wählten das Risiko, und mit Neuville für Placente kam ein weiterer offensiver Mittelfeldspieler.

Und dennoch: Obwohl Bayer nun mehr Einsatzwillen zeigte, kam Hannover auch weiterhin zu einer Fülle von stets ungenutzten Konterchancen. Die Krönung des Ganzen indes war der schon grotesk wirkende Kopfball Zivkovics in der 57. Minute, den Butt so gerade noch von der Linie kratzen konnte. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je eine Mannschaft trainiert habe, die ein Spiel so klar beherrscht hat“, sagte Hannovers völlig entgeisterter Trainer Ralf Rangnick in der Pressekonferenz. Zu ergänzen wäre: und dabei keine Tore schießen konnte.

Und dann kam es, wie es manchmal in ungerechten Fußballspielen so kommt. Bayer Leverkusen, das plötzlich seine Chance witterte, nutzte drei Chancen in der letzten Viertelstunde zu zwei Toren durch den Amateur Sebastian Schoff (80.) und durch den Ex-Hannoveraner Jan Simak (90.), der die gesamten 90 Minuten hindurch ausgepfiffen worden war. „Dieser Sieg war eine schwere Geburt, aber es war auch ein enorm wichtiger Erfolg für uns“, sagte Trainer Hörster erleichtert nach dem Spiel. „Jetzt sind die Spieler wieder frei im Kopf.“ Wer seine Elf über die gesamten 90 Minuten hinweg beobachtet hat, mag daran indes kaum glauben.

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