Sport : Hymne für zwei

Eisschnellläuferin Anni Friesinger holt sich zweiten WM-Titel, Claudia Pechstein freut sich über Silber

Benedikt Voigt

Berlin. Eigentlich müsste Claudia Pechstein vor Schadenfreude grinsen. Die Eisschnellläuferin sitzt bei der Einzelstrecken-WM in Hohenschönhausen auf dem Podium, und ausgerechnet jene Kollegin, zu der ihr ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis nachgesagt wird, bekommt eine unfreundliche Frage gestellt. „Verzeihen Sie“, sagt der Journalist, „aber Sie machen von allen drei auf dem Podium den schlechtesten Eindruck.“ Pechstein könnte nun grinsen, ob der Beleidigung der ungeliebten Konkurrentin, oder sie könnte sich leise freuen. Sie mögen sich ja nicht, die beiden, das weiß man. Stand in allen Zeitungen: das Zicken-Duell, Pechstein gegen Friesinger. Niemand wunderte sich daher, wenn die Berlinerin auf dem Podium einen Stuhl Abstand zur Konkurrentin lässt. Wenn sie sich nicht mögen, muss Pechstein die freche Frage doch gefallen. Doch sie ruft nur empört dazwischen: „Natürlich ist die Anni kaputt, sie ist doch schon die 1500 Meter gelaufen!“

Wie soll man das jetzt wieder verstehen? Pechstein verteidigt Friesinger? Das stand doch gar nicht auf der Tagesordnung, das war doch ganz anders geplant.

Um kurz vor 12 Uhr betritt Thomas Bach die Eisschnelllaufhalle im Sportforum Hohenschönhausen. „Ich bin wegen der WM da, nicht wegen des Duells“, sagt der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „aber natürlich freut man sich, wenn man dabei ein Rennen mit Friesinger und Pechstein sehen kann.“ Knapp eineinhalb Stunden später gewinnt Anni Friesinger das Rennen über 3000 Meter in 4:06,07 Minuten, Claudia Pechstein sollte mit einem Rückstand von 1,92 Sekunden die Silbermedaille vor der Holländerin Gretha Smit holen. Ärgerlich für Pechstein? Sie ist auf dieser Distanz immerhin Olympiasiegerin.

Die 31-Jährige, die von einer Grippe beeinträchtigt ist, strahlt in jede Kamera und sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung, die Anni hat eine Superzeit vorgelegt.“

Gut. Wenn schon nicht die beiden Eisschnellläuferinnen streiten wollen, übernehmen das vielleicht die Fans. Hans Klein zum Beispiel reiste aus Inzell im Bus mit 56 weiteren Friesinger-Fans nach Hohenschönhausen und feierte am Vortag Friesingers Goldmedaille über 1500 Meter bis um 12 Uhr nachts. Der Mann mit der bayerischen Fahne um den Hals kennt „die Anni“, seit sie vier Jahre alt ist. Kein Wunder, er verdient sein Geld als Hausmeister der Eisschnelllaufbahn in Inzell, auf der Friesinger einen großen Teil ihres bislang 26-jährigen Lebens verbracht hat. Auf die Frage, was an ihr so toll sei, fällt ihm allerdings nichts ein. „Helft’s mir“, fragt Hans Klein die umstehenden Inzeller, „was ist an der Anni so toll?“ Von einer Dame kommt Unterstützung. „Dass sie so natürlich geblieben ist.“ Hans Klein jedenfalls ist ein großer Friesinger-Freund, auch wenn er nicht so schnell sagen kann warum. Eine Plakette vor seiner Brust weist ihn als Mitglied des 60-köpfigen Friesinger-Fanclubs aus. Was hält so einer von Claudia Pechstein? „Das ist normale Konkurrenz, was so alles in den Zeitungen geschrieben wird, würde ich nicht so sehen.“ Ob Pechstein-Anhänger genauso empfinden?

Andreas Freese trägt ein Imitat der schwarz-rot-goldenen Perücke, die Claudia Pechstein bei den Olympischen Spielen auf den Kopf gestülpt hatte, und die inzwischen im Haus der Geschichte ausgestellt ist. „Von Schönheit kann man bei dieser Perücke nicht reden“, sagt Freese, „aber das ist eben ein Fanartikel.“ Beim Manager von Claudia Pechstein hat er sich auch jene überdimensionale Hand besorgt, die die Berlinerin später bei der Siegerehrung tragen wird. „Go, Claudia, go“ steht auf der Handfläche. Seine Tochter läuft für den TSC Berlin und hat sich schon einmal mit Claudia Pechstein in einer Umkleidekabine umgezogen. Daher weiß er: „Die Claudi ist sehr fröhlich, sie ist ganz natürlich geblieben.“ Nanu, besitzen die beiden Eisschnellläuferinnen womöglich einen ähnlichen Charakter? Was aber hält einer, der Claudia Pechstein privat kennt, von Anni Friesinger? „Gegen die habe ich überhaupt nichts“, sagt Freese, „ich finde alle Läuferinnen super.“

Vor der Siegerehrung hatten die beiden Damen, die als Zicken verrufen sind, miteinander getuschelt. „Wie fandest du das Eis“, fragte Pechstein, und Friesinger antwortete: „Es war heute sehr weich, etwas klebrig.“ Dann schritten sie hintereinander zur Siegerehrung und hörten die Nationalhymne für die Siegerin. Doch eigentlich galt sie beiden. Bei der Pressekonferenz wird Friesinger versöhnlich. „Wir respektieren uns“, sagte die Doppelweltmeisterin, die jetzt in Salzburg wohnt. „Das muss man auch einmal sagen: Wenn wir die Konkurrenz nicht in der eigenen Mannschaft hätten, wären wir nicht so gut.“ Die eine motiviert die andere. Vielleicht ist es sogar so: Die eine braucht die andere.

Am Ende tanzten die Fans im Block C zur Blasmusik der „Kleintje Pils“-Kapelle und feierten. Holländer mit Deutschen, Bayern mit Preußen. Das könnte die Lehre des gestrigen Rennens sein: Eisschnelllaufen kann die Menschen vereinen.

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