Sport : „Ich bin anpassungsfähig“

Aachens Jan Schlaudraff über seine Rolle als begehrtester Spieler der Bundesliga

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Herr Schlaudraff, wie fühlt es sich an, begehrtester Spieler der Bundesliga zu sein?

Nun ja, es ist schon eine sehr angenehme Qual der Wahl.

Ihr heutiger Pokalgegner Bayern München ist daran interessiert, Sie zu verpflichten, ebenso Bremen, Leverkusen und Dortmund, vorher schon Frankfurt und Nürnberg. Ist auch der Verein dabei, dessen Fan Sie als Kind waren?

Nein. Da ich immer schon für internationalen Fußball geschwärmt habe, hatte ich in der Bundesliga nie einen Lieblingsverein.

Eine sehr diplomatische Antwort.

Richtig. Aber ich habe mich abgesehen davon noch nicht auf einen Klub festgelegt.

Mönchengladbach wird es vermutlich nicht. Da haben Sie ja schon einmal einen Anlauf in die Bundesliga unternommen.

Ja. Damals bin ich von Hassia Bingen zu Gladbachs Amateuren gewechselt, mit 19, bin dann ziemlich schnell zu den Profis gekommen. Aber dann kam eine langwierige Verletzung dazwischen. Ein Jahr habe ich pausieren müssen.

Eine übliche Fußballerverletzung?

Nein, eine Virusinfektion. In den Gelenken hatte sich Wasser gesammelt, die Regeneration war sehr mühsam. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt jemals zurückkehren würde auf den Fußballplatz.

Wie haben Sie die Situation überwunden?

Ich habe die Zeit bei meiner Familie in Bingen verbracht, da konnte ich mich ablenken. Das hat schon sehr geholfen. Allein hätte ich das sicher nicht so einfach bewältigen können. Da fällt einem ja doch die Decke auf den Kopf.

Haben Sie sich damals schon Gedanken über Alternativen gemacht – einen anderen Beruf etwa?

Es waren schon gewisse Zweifel da, wie es weitergehen würde. Aber konkrete Gedanken darüber, was ich sonst beruflich gemacht hätte, gab es nicht.

Ihr Vater ist Pfarrer. Haben Sie Ihre Zuversicht aus Ihrem Glauben geschöpft?

Generell bin ich schon gläubig, aber es war nicht so, dass dies die entscheidende Rolle gespielt hätte.

Profitieren Sie nun von diesen Erfahrungen – auch wenn es mal schlechter läuft?

Im Nachhinein hat es sicher nicht geschadet. Ich habe dadurch damals ein Jahr verloren, aber man lernt, seine Gesundheit wieder mehr wertzuschätzen.

In dieser Saison gab es für Sie extreme Hochs, aber auch schon ein Tief. Zuerst die Berufung in die Nationalelf, nach gerade fünf Einsätzen in der Bundesliga.

Ja, das war schon sehr ungewohnt, absolutes Neuland, wo man sich erstmal zurecht finden muss. Insgesamt war es aber eine sehr tolle Erfahrung. Es war auch nicht so, dass man da jetzt durch die WM auf einen verschworenen Haufen stieß.

Gab es jemanden, der sich besonders um Ihre Integration gekümmert hat?

Mit dem Torsten Frings hatte ich gleich einen relativ guten Kontakt. Wir haben uns auf Anhieb ganz gut verstanden, das hat gepasst.

Als Sie von diesem Ausflug zurückkamen, warf man Ihnen Arroganz vor. Aachens Sportdirektor Jörg Schmadtke sagte: „Jan hat den Solidarpakt verlassen.“

Das ist alles ein bisschen übertrieben dargestellt worden, der ein oder andere hat vielleicht eine etwas unglückliche Aussage getroffen, aber die wurden auch weitgehend wieder zurückgenommen. Die Sache ist abgehakt.

Sie haben damals ein Spiel Denkpause erhalten. Waren Sie der Sündenbock, weil es bei Ihrem Klub gerade schlecht lief?

Sündenbock ist das falsche Wort. Der Trainer wollte ein Zeichen setzen, das hat er auch offen gesagt, und das kann er nicht bei einem der Spieler 16 bis 18, sondern nur bei einem, der regelmäßig dabei war und wo die Leute auch merken: Oh, er meint das ernst. Im Endeffekt hat es uns, glaube ich, nicht geschadet. Das einzige was mich gestört hat, war, dass es so rüberkam, als wäre ich abgehoben. So war es nicht. Das hat auch keiner in der Mannschaft so gesehen.

Es folgte ein sagenhaftes Lupfertor gegen Werder Bremen, woraufhin Sie der Verein gleich verpflichten wollte.

Interesse hatte Werder schon vorher bekundet.

Jedenfalls haben Sie sich dann gleich ein Champions-League-Spiel von Werder live im Stadion angeschaut.

Ja, Torsten Frings hatte Geburtstag und mich eingeladen. Dann bin ich mit meiner Freundin hingefahren. Es war sehr nett, wir haben ein sehr gutes Spiel gesehen – ein rundum gelungener Abend.

Manche sagen, Sie würden besser zu Werder als beispielsweise zu Bayern passen, weil Sie eher ein ruhigerer Vertreter seien.

Stimmt schon, aber was heißt schon ruhiger Vertreter? Bei Bayern sind sicher auch nicht alle Spieler vom Typ her anders. Klar, es wird mehr geschrieben, der Druck ist höher. Aber ich glaube, dass ich anpassungsfähig bin, egal wo.

Im Sommer können Sie Alemannia Aachen für 1,2 Millionen Euro Ablöse verlassen, jetzt könnten Sie dem Verein noch eine höhere Summe einbringen. Wie wahrscheinlich ist ein Wechsel schon im Winter?

Soweit ich vom Verein informiert bin, liegt die Wahrscheinlichkeit bei Null. Ich würde definitiv bleiben, wurde mir gesagt.

Bleiben wollen?

Ich habe von vornherein nicht über einen Wechsel im Winter gesprochen. Wenn der Verein käme und sagen würde: Wir haben ein Angebot vorliegen und brauchen das Geld, würde ich mir das anhören, klar.

Falls es dann doch dazu kommen sollte, könnten Sie sich Mittwoch im Pokal gegen Bayern gegebenenfalls selbst aus dem Wettbewerb schießen.

Wie gesagt, soweit ich weiß, ist ein Wechsel ausgeschlossen. Aber wenn ich bis dahin was Neues höre, versuche ich natürlich alles, um ein paar Eigentore zu schießen.

Aha.

Schreiben Sie das bitte nicht. Das war ein Witz.

– Das Gespräch führte Daniel Pontzen.

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