Sport : „Ich bin ein Lastwagen“

Jaap Zijlaard zählt als Schrittmacher zu den Sechstage-Stars

Hartmut Moheit

Berlin. Es soll ja Radprofis geben, die verrückt sind. Jaap Zijlaard bezeichnet sie jedenfalls so. „Wer sich bei mir ans Hinterrad wagt, der kann nicht normal sein. Ich will immer nur gewinnen“, sagt der 60-jährige Holländer. Dafür dreht Zijlaard gnadenlos am Gasgriff. Er bringt das 7-PS-Derny, das aussieht wie ein mopedähnliches Fahrrad, auf bis zu 85 Stundenkilometer. Schon Stars wie Eddy Merckx, Bernard Hinault, Danny Clark oder Dietrich Thurau wussten aber, was sie an ihrem Schrittmacher hatten, der sie nicht weniger gequält hat. „Ich bin ein Lastwagen“, sagt Zijlaard. Keiner seiner Kollegen biete dem Fahrer so viel Windschatten wie er mit seinen 125 Kilogramm.

Wie der Restaurantbesitzer aus Rotterdam selbst zum Star wurde, einer der wenigen, die das Sechstage-Geschäft noch zu bieten hat, wird bei den 93. Sixdays im Berliner Velodrom deutlich. Seine Taktik beim Derny-Europacup, mit dem Belgier Matthew Gilmore hinter sich, ist immer dieselbe. Nach ein paar langsamen Runden gibt Zijlaard mit der Faust ein kurzes Zeichen nach hinten und damit das Signal zur Attacke. Die Fans kennen das Prozedere bereits, sie pfeifen, johlen, und nichts hält sie dann mehr auf den Plätzen. Innerhalb von vier bis fünf Runden jagt das Paar an die Spitze – meist bis zum Zielstrich. Sechsmal ist Zijlaard auf diese Art mit einem Fahrer bereits Europameister geworden.

Jaap Zijlaard kommt bestens an mit seinerAuffassung vom Sport, auch reichlich Emotionen zu zeigen. „Immer ehrlich, immer geradeaus, obwohl ich im Kreis fahre“, lautet sein Lebensmotto. Damit demonstriert er die Einstellung, die früher auch unter den Fahrern viel öfter zu finden war als heute. Wie man die Fans auf seine Seite zieht, Erwartungen weckt und letztlich zur großen Nummer wird, darüber macht sich von den jungen Fahrern kaum noch einer Gedanken.

Es kann sogar passieren, dass zwei Landsleute von Zijlaard das 93. Berliner Sechstagerennen gewinnen, ohne dass sie zu den Helden der sechs Nächte gehören: Robert Slippens und Danny Stam. Dabei steht ihre sportliche Klasse außer Frage. Sie fahren taktisch klug und haben das Gefühl für die entscheidenden Situationen – doch spektakuläre Aktionen haben sie kaum mal zu bieten. „Das ist die neue Generation“, sagt Zijlaard mit Bedauern. Er kann sich sehr gut an den letzten holländischen Erfolg beim Sechstagerennen 1974 durch Rene Pijnen und Roy Schuiten erinnern: „Es gab zu jener Zeit mehr besondere Typen, nicht nur diese beiden.“

Zum Glücksfall für die Veranstalter in diesem Jahr sind Robert Bartko und Guido Fulst geworden, mit denen sich im Velodrom das Lokalkolorit sehr wirksam anheizen lässt. Wären sie nicht dabei, alles hätte sich nur noch auf Bruno Risi, Andreas Kappes oder Marco Villa konzentriert. Und zweimal pro Nacht auf den Lastwagen aus Holland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar